Ärzte Zeitung, 04.07.2007

"Was Martin Luther für die Bibel, hab ich für den Pschyrembel getan"

Der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen nimmt für sich in Anspruch, als erster medizinisches Vokabular verständlich gemacht zu haben

Der Mann ist eine Art Allzweckwaffe. Arzt, Wissenschaftsjournalist, gefragter Kabarettist, Kolumnist eines bekannten Wochenmagazins und seit einiger Zeit auch noch Autor eines Wörterbuchs über die Geheimsprache der Ärzte. Über dieses Thema sprach Pete Smith mit Dr. Eckart von Hirschhausen.

Gibt auf der Kabarettbühne und in Talkshows immer eine gute Figur ab und hat auch was zu sagen: Dr. Eckart von Hirschhausen. Fotos: Hauschild

Ärzte Zeitung: Herr Dr. von Hirschhausen, Sie haben gerade einen satirischen Sprachführer herausgebracht, in welchem Sie Patienten die "Geheimsprache" der Ärzte übersetzen, wie Sie im Vorwort formulieren.

von Hirschhausen: Frech gesagt: Was Martin Luther für die Bibel, hab ich für den Pschyrembel getan: die erste Übersetzung ins Deutsche. Im Mittelalter glaubten auch einige Geistliche, dass es für die Gläubigen besser ist, nicht alles zu verstehen. Ich denke es ist an der Zeit, auch in der medizinischen Kommunikation in der Neuzeit anzukommen. Gesundheit und Heilung sind wundersam genug, dafür braucht man keine zusätzlichen sprachlichen Hindernisse.

Ärzte Zeitung: Halten Ärzte ihre Patienten also absichtlich oft dumm?

von Hirschhausen: Nein, ich mache keinem Kollegen einen Vorwurf - es wird uns ja regelrecht antrainiert. Die Arztwerdung des Menschen beginnt mit der Terminologie! Das allererste, was ein Medizinstudent lernt, ist, sich systematisch unverständlich auszudrücken. Für alles, was er bis dahin gut auf Deutsch hatte erklären können, kennt er plötzlich ein griechisches und ein lateinisches Fremdwort, zwei tote Sprachen, um dem Wunder des Lebens näher zu kommen. Hätte nicht eine tote Sprache ausgereicht? Nein, denn als Arzt ist man immer wieder mit seinem Latein am Ende, und dann kann man immerhin noch auf Altgriechisch weitermachen.

Wenn Sie sich schon mal gefragt haben, wozu an ihrer Computertastatur diese Taste "AltGr" unten rechts neben dem Leerzeichen gut sein soll: für medizinische Notfälle!

Ärzte Zeitung: Als Kabarettist und Medizinjournalist setzen Sie sich schon sehr lange mit der Medizinersprache auseinander. Bei welchen Gelegenheiten flüchten sich die Kollegen Ihrer Meinung nach am liebsten ins Ärzte-Latein?

von Hirschhausen: Gesundheit ist der Zustand, in dem der Mensch vergisst, dass er gesund ist! Sobald das "Schweigen der Organe" vorbei ist und wir merken, dass es irgendwo pocht, zieht oder drückt, fühlen viele sich krank. Das häufigste Krankheitsbild der Inneren Medizin sind die "funktionellen Beschwerden", aber mit "Psycho" will keiner zu tun haben. Der Arzt könnte fragen: "Wie geht es im Beruf, wie glücklich ist ihre Partnerschaft, was macht ihnen wirklich Spaß?" Aber er murmelt lieber vor sich hin: essentielle, funktionelle, vegetative, idiopathische Dystonie. Sagt ein Feng-Shui-Berater etwas sei nicht im Gleichgewicht, halten wir das gerne für Augenwischerei, Dystonie ist erkenntnistheoretisch keinen Schritt weiter.

Ärzte Zeitung: Arztdeutsch entstehe etwa durch das Anhängen der Suffixe -itis und -ose, schreiben Sie und lassen durchblicken, dass eine komplizierte Sprache durchaus bewusst eingesetzt wird, um sich von Patienten abzugrenzen. Ist Medizinersprache so gesehen eine Herrschaftssprache?

von Hirschhausen: Ein bisschen schon. Am deutlichsten im Krankenhaus zu beobachten bei der Visite! Die Terminologie dient eigentlich dazu, sich mit anderen Ärzten unterhalten zu können, in Gegenwart von Menschen, die nicht wissen sollen, was mit ihnen los ist. Und das funktioniert wunderbar - weltweit. Bei allem liebevollen Spott, weiß ich natürlich die Fachsprache auch zu schätzen. Ich habe ein Jahr in England studiert, und ich hatte kein Problem mit den Fachausdrücken, nur mit der Aussprache. Sogar in der Schweiz konnte ich mich im Krankenhaus verständigen, die Antwort dauerte halt nur ein bisschen länger.

Ärzte Zeitung: Patienten schwerwiegende Diagnosen mitzuteilen, fällt keinem Arzt leicht. Kann eine verklausulierte Sprache nicht auch dem Selbstschutz dienen?

von Hirschhausen: Ärzte sind selber enormem psychischen Stress ausgesetzt, viele sind frustriert und brennen aus oder flüchten in Zynismus oder Sucht. Kein Wunder: Letzten Endes ist das ärztliche Tun ja auch zum Scheitern verurteilt. Jeder Mensch muss sterben. So unabdingbar dies zum Leben dazugehört, so persönlich gekränkt sind manche Ärzte von den Grenzen der Heilkunst. "Austherapiert" - was für ein schreckliches Wort. Ein Stück Selbstschutz ist auf jeden Fall nötig. So wie im OP oft ein abgründig schwarzer Humor herrscht, um nicht aus persönlicher Betroffenheit ins Operationsfeld zu weinen, so kann Terminologie auch distanzieren. Humor ist aber die gesündere Art, das Leben in all seiner Widersprüchlichkeit auszuhalten.

Ärzte Zeitung: Umgekehrt scheinen sich manche Ärzte hinter Phrasen wie der häufig bemühten "ganzheitlichen Therapie" zu verstecken. Wie präzise muss, wie allgemein darf Medizinersprache sein?

von Hirschhausen: Die schlimmsten Verklausulierer sind nicht die Schulmediziner, sondern die Vertreter der alternativen Szene. Von Nosoden, Zellumkehr, Energetisierung des Immunsystems zu reden - das wäre Stoff für ein zweites Buch! Dennoch fühlen sich viele Patienten dort gut aufgehoben, weil soviel gesprochen wird. Psychosomatische Beschwerden sind ja echt! Die Leute sind ja nicht "verrückt". Man darf ihnen aber auch sagen, das gelegentlich ein pochendes Herz, Schweiß oder Rückenschmerzen normal sind, wenn man sich nach Jahren zum ersten mal wieder bewegt. Ausdauersport täte jedem besser als ausdauerndes Herumsitzen in Wartezimmern.

Ist bei der körperlichen Untersuchung alles ohne Befund, könnte man weise Worte sprechen: Machen Sie sich nichts draus. Alles in Ordnung so. Geh, wohin dein Herz dich trägt, und genieße das Leben!

Aber weil man dafür ja nicht studiert hat, gibt es stattdessen reihenweise Untersuchungen zum Ausschluss exotischer Krankheiten und für die Zwischenzeit Antidepressiva und Beruhigungsmittel. Aber beruhigt ist der Patient noch lange nicht und holt sich anderswo noch mehr überflüssige und teure Untersuchungen. So wird die gute "Droge Arzt" zur Einstiegsdroge in den Teufelskreis der "Somatisierung", der krampfhaften Suche nach einer "körperlichen" Ursache. Profi-Patienten kommen auf 100 Arztbesuche im Jahr, bis ihre Krankenakte mehr wiegt als sie selber. Sie geben nicht auf, bis sie mit irgendeinem "fassbaren" Befund erschöpft in Frührente gehen. Unfassbar!

Ärzte Zeitung: In Ihrem Buch gibt es ein Kapitel "Der Giftschrank der Arztsprache", in dem sie einige besonders krasse Beispiele nennen, gar Beleidigungen, die Ärzte Patienten an den Kopf werfen, ohne dass letztere überhaupt begreifen, was damit gemeint war. Haben Sie Begriffe wie "externes Pigment" für ungewaschene Haut, "caput piger" für Drückeberger und "maligne Logorrhö" für Verbaldurchfall erfunden oder während Ihrer Ausbildung oder in Ihrem eigenen Ärztealltag von Kollegen aufgeschnappt?

von Hirschhausen: Erfinden musste ich nichts, was viel schwieriger war: alles auf 128 Seiten zu kürzen. Ich habe mich auch umgehört nach den liebsten Ausdrücken von Kollegen. Mein Favorit: "supranasale Oligosynapsie!"

Ärzte Zeitung: Es gibt schlimmere Begriffe wie etwa "Patientengut", die einer unmenschlichen Sprache entstammen. Hat sich die Arztsprache in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Ist sie menschlicher geworden?

von Hirschhausen: Mein Eindruck ist, dass sich viel verändert. Auf beiden Seiten. Die guten Ärzte haben immer schon auf Kommunikation gesetzt, die Arztrolle verändert sich, man redet mehr auf Augenhöhe, als im Stehen nach unten. Patienten können sich heute ja viel besser und aktueller informieren, wissen über Internet und Selbsthilfe-Foren zu ihrem speziellen Fall oft mehr, als ein tüchtiger Allgemeinarzt überhaupt nachlesen kann. Dadurch kommt automatisch mehr Transparenz, mit Vor- und Nachteilen. Ein "Doktor Allwissend" hat gegen Google keine Chance. Ärzte kochen auch nur mit Wasser - pardon - mit Aqua.

Ärzte Zeitung: Sprache ist ein Spiegelbild der Wirklichkeit. Dort, wo Patienten durch bestimmte Etikettierungen diskriminiert werden, finden auch häufiger Übergriffe statt, zeigt die Erfahrung. Schafft Sprache umgekehrt auch Wirklichkeiten?

von Hirschhausen: Am deutlichsten ist die Etikettierung bei psychiatrischen Krankheiten zu beobachten. Der teilweise inflationäre Umgang mit "Depression" schafft seine eigene Wirklichkeit. Hab ich erstmal eine Diagnose, dann verhalte ich mich auch so: "Ich kann ja gar nicht anders, ich bin ja depressiv."

Ärzte Zeitung: Manche Ärzte sagen, dass sie gar keine Zeit haben, ihren Patienten Sachverhalte ausführlich zu erklären. Gibt es Kommunikations-strategien, die Sie Ihren Kollegen empfehlen können, damit sie Patienten auch in einem zunehmend verdichteten Alltag gerecht werden?

von Hirschhausen: Am Anfang richtig zuhören! Aus der Angst heraus, zugetextet zu werden, unterbrechen viele Kollegen die ersten Ausführungen des Patienten rasch. Studien haben gezeigt, dass wenn man den Patienten am Anfang ausreden lässt, das Gespräch insgesamt kürzer dauert, weil er sich ernst genommen fühlt und dafür an den Rückfragen spart. Ausprobieren. Und hinsetzen. Ein gleichlanges Gespräch wird im Stehen immer als weniger wertvoll wahrgenommen als sitzend. Und außerdem kann man, wenn man schon steht, nicht mehr aufstehen, um zu signalisieren: Nu is auch gut, der nächste bitte. Und in der Akte für das nächste Gespräch notieren: V.a. maligne Logorrhoe.

Ärzte Zeitung: Gerade in letzter Zeit ist häufig von der "Feminisierung der Medizin" die Rede. Verändert sich durch die zunehmende Zahl von Ärztinnen auch die Sprache der Medizin?

von Hirschhausen: Wer meint, es ist nur ein Klischee, dass Frauen lieber reden als Männer, zeige mir irgendwo auf der Welt zwei Frauen beim Angeln! Ich hab ja als Kinderpsychiater gearbeitet und weiß: Mädchen fangen früher an zu sprechen - und hören später auf.

Gute oder schlechte Ärzte sind aber nicht durch ihr Geschlecht festgelegt, der Patient sucht sich auch ein bisschen den Arzt, den er gerade braucht. Zum einen geht man, wenn man was hat; zum anderen, wenn einem etwas fehlt. Wenn ich einen Autounfall hatte, freu ich mich, dass der Chirurg nichts von Sozialanamnese und Bachblüten hält, sondern relativ emotionslos weiß, wo welches Teil wieder ran gehört. Dann ist er in dem Moment ein "guter Arzt".

Ich war neulich wegen Rückenschmerzen bei einem Schmerztherapeuten, der mir während des Gespräches eine Minute lang immer wieder auf die gleiche Stelle an meiner Schulter klopfte, und dann sagte: So genervt, wie Sie jetzt von diesem wiederholten Reiz sind, ist auch ihre Hinterhornzelle, die ganz schnell die Schmerzweiterleitung erlernt. Obwohl mir das theoretisch klar war, gab es diesen Aha-Effekt, etwas am eigenen Leib, also leibhaftig, erlebt zu haben. Auch ein guter Arzt.

ZUR PERSON

Dr. Eckart von Hirschhausen wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren. In Berlin, London und Heidelberg hat er Medizin studiert und 1994 promoviert. Danach studierte er Wissenschaftsjournalismus und moderierte von 1998 bis 2003 die wöchentliche Ratgeber-Sendung "service: gesundheit" im Hessischen Fernsehen. Seit 2004 veröffentlicht er im Hamburger Magazin "Stern" eine wöchentliche Medizinkolumne.

Neben seiner wissenschaftsjournalistischen Tätigkeit hat sich von Hirschhausen auch als Kabarettist einen Namen gemacht. Mit seinen Solo-Programmen (zuletzt "Glücksbringer") tritt er seit Jahren vor ausverkauften Häusern sowie im Rundfunk auf und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.

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