Ärzte Zeitung, 19.09.2007

Krankheiten in Wachs - die Geschichte der Moulagenkunst

Medizinhistorische Ausstellung in Göttingen geht "unter die Haut"

GÖTTINGEN (pid). Eine außergewöhnliche medizinhistorische Ausstellung ist derzeit in Göttingen zu sehen: Das Städtische Museum präsentiert gemeinsam mit der Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin und der Hautklinik der Universität Göttingen die Geschichte der Moulagenkunst.

Wachsmoulage eines Patienten mit einem Kontaktekzem, das durch ein Shampoo hervorgerufen wurde. Foto: Rink/pid

Medizinische Moulagen sind aus Wachs geschaffene naturgetreue Abbildungen erkrankter Körperteile. Die Wachsmoulagen wurden vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Lehrmaterial für die Medizinausbildung verwendet. Auf diese Weise konnten sich Medizinstudenten mit dem Anblick unterschiedlichster Symptome der Haut vertraut machen. Außerdem dienten Moulagen zu Dokumentations- und Sammelzwecken.

Herstellung erforderte viel Geschick

Die Ausstellung sei die erste sammlungsübergreifende Präsentation der Moulagenkunst im deutschsprachigen Raum, sagte der Leiter des Städtischen Museums, Ernst Böhme. Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden die medizinischen Moulagen aus den Beständen der Göttinger Hautklinik. Weitere Exponate stammen unter anderen aus der berühmten Moulagensammlung der Universität Zürich, der Universität Erlangen, dem Medizinhistorischen Museum der Charité Berlin und dem Deutschen Hygiene-Museum in Dresden.

Die Herstellung der Moulagen war eine Handwerkskunst. Die speziell ausgebildeten Mouleure benötigten eine detailreiche Kenntnis der Anatomie, vor allem des Aufbaus von Muskeln, Gewebe und Haut. Auch die 1917 gegründete Göttinger Hautklinik hatte bis 1938 einen eigenen Mouleur, den aus Hettensen (Kreis Northeim) stammenden August Leonhardt.

Zur Herstellung der Moulagen nahmen sie zunächst einen Gipsabdruck der betreffenden Körperteile des Patienten ab, der dann mit einer Wachsmischung ausgegossen wurde. Die Wachsabgüsse wurden dann möglichst naturgetreu geformt und mit Ölfarben bemalt. So wurde eine verblüffende Wirklichkeitstreue erzielt.

Die meisten Exponate zeigen Krankheiten, deren Symptome sich auf der Haut zeigen. Dazu gehören vor allem die Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten wie die Syphilis, die oft mit schwersten Hautleiden verbunden waren. Die Medizinstudenten konnten sich anhand dieser dreidimensionalen Abbildungen mit den unterschiedlichen Krankheitsbildern vertraut machen.

Mit der Farbfotografie kam das "Aus"

Inzwischen haben Moulagen als Lehrmaterial ausgedient. Spätestens seit der Einführung der Farbfotografie galten Moulagen als überholt und nicht zuletzt aufgrund ihrer "aufdringlichen Wirklichkeitsnähe" als unzeitgemäß, erläuterte Dr. Susanne Ude-Koeller von der Abteilung Ethik und Geschichte der Medizin. Ihrer plastischen Wirkung kann man sich indes auch heute kaum entziehen. Gerade wegen ihrer wirklichkeitsnahen Darstellung gehen die in Wachs archivierten Krankheits- und Körperbilder "unter die Haut".

Die Ausstellung "Wachs-Bild-Körper. Moulagen in der Medizin" ist noch bis zum 16. Dezember im Städtischen Museum Göttingen, Ritterplan 7/8, zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein Begleitband im Göttinger Universitäts-Verlag, der auch aus dem Internet heruntergeladen werden kann (http://www.univerlag.uni-goettingen.de).

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