Ärzte Zeitung, 01.10.2007

Deutlich weniger Anträge auf Asyl in Deutschland

terre des hommes beklagt Desinformation in der Bevölkerung / Eigenes Verfahren für Kinder gefordert

BERLIN (dpa). Weil sich Europa immer mehr gegen Asylsuchende abschottet, schätzen viele Deutsche die Situation von Flüchtlingen nach Meinung von Experten völlig falsch ein.

Durch die ablehnende Haltung Deutschlands und vieler EU-Staaten gegenüber Flüchtlingen werde suggeriert, es lebten bereits zu viele Asylsuchende in Europa, sagte Ralf Willinger von der Hilfsorganisation terre des hommes in einem Gespräch mit dpa in Berlin.

Zum Tag des Flüchtlings am vergangenen Freitag forderte er Politiker auf, sich für eine einfachere Einreise einzusetzen anstatt sie zu erschweren. "Die Menschen haben zwar Mitleid mit den Asylsuchenden und interessieren sich für ihr Schicksal, sind aber trotzdem für Abschiebung, weil sie denken, es gebe schon zu viele in Deutschland", sagte Willinger. "Weil die Politik mit Blick auf Asylsuchende in Deutschland und in der EU immer restriktiver wird, resignieren die Menschen und denken, man könne ja eh nichts machen."

Dabei sei ein völlig falsches Bild der Zahl der Asylsuchenden in Deutschland verbreitet. So seien 2006 in Deutschland 30 100 Asylanträge eingereicht worden. 2002 seien es noch 91 500 gewesen, 1992 sogar 438 000. Die Leute aber wüssten oft gar nicht, dass die Anträge weniger geworden seien.

"Sie denken: Es sind zu viele, wir können uns das nicht mehr leisten." Für Kinder müsse dringend ein eigenes Asylverfahren eingeführt werden, betonte Willinger. "Schon bei der Einschätzung des Alters wird es schwierig, weil die Sachbearbeiter die Kinder oft älter einstufen, als sie sind." Nur für unter 18-jährige aber gebe es besondere Erleichterungen. "Oft sehen aber zum Beispiel Kindersoldaten viel älter aus, als sie sind, weil sie schon so viel mitgemacht haben", sagte Willinger.

Wenn der "Kinderbonus" von minderjährigen Flüchtlingen am 18. Geburtstag ende, werde es oft noch komplizierter. "Die jungen Leute wollen arbeiten, zur Schule gehen, eine Ausbildung anfangen. Aber das wird ihnen ungeheuer schwer gemacht." Dabei sei es für den Staat eine große Chance, Flüchtlingskindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. "Viele wollen ja auch später gerne in ihr Land zurück und mit einer guten Ausbildung könnten sie dort etwas bewegen. Das wäre auch aus entwicklungspolitischer Sicht sehr gut."

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