Ärzte Zeitung, 05.11.2007

Wilhelm Reich - verehrt, verachtet, wiederentdeckt

Der Psychoanalytiker gilt als streitbarer Naturforscher und kompromissloser Sexualaufklärer / Am 3. November war sein 50. Todestag

WIEN (kbr). An Wilhelm Reich scheiden sich die Geister. Als Psychoanalytiker propagierte Reich die Bedeutung von Körper und Politik, als Naturwissenschafter erforschte er die von ihm postulierte universale Lebensenergie "Orgon." Am 3. Novenber jährte sich der Todestag des kompromisslosen Sexualaufklärers und streitbaren Naturforschers zum 50. Mal.

1897 in Galizien geboren, wurde der hoch begabte Sohn assimilierter jüdischer Eltern bereits als Medizinstudent in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Reich gründete in Wien und Berlin Sexualberatungsstellen und verfasste Klassiker wie "Die Funktion des Orgasmus" und "Charakteranalyse", in denen er die Bedeutung der Sexualität für die Ätiologie der Neurosen noch viel stärker als Freud betonte. 1934 wurde Reich auf Initiative von Freud aus den Psychoanalytischen Vereinigungen ausgeschlossen - wegen inhaltlicher Differenzen, aber vor allem als Opfer der Anpassungspolitik der Psychoanalytiker an die verschärften Bedingungen im NS-Staat.

Zwischen allen Stühlen bewegte sich Reich fast zeitlebens: Mit seinem Buch "Massenpsychologie des Faschismus" erwies er sich als früher und scharfsinniger Kritiker autoritärer Gesellschaftsstrukturen - und wurde dennoch, zu wenig auf Parteilinie, auch aus der KPD ausgeschlossen, in die er 1930 eingetreten war. Im Exil in den USA entwickelte Reich seine Theorie weiter, dass sich Verdrängungen und Charakterstörungen in körperlichen Verkrampfungen niederschlagen. Mit der "Vegeto-Therapie" bereitete er den Weg für die modernen humanistischen und körperbezogenen Psychotherapien. Doch auch in den USA wurde der Psychoanalytiker ausgegrenzt. Er hatte einen kabinenartigen "Orgon-Akkumulator" konstruiert, durch den er Lebensenergie bündeln und Heilungsprozese, etwa bei Krebspatienten, vorantreiben wollte. Kritiker zerstörten seine Akkumulatoren und verbrannten seine Bücher. Nach seinem Herztod in der Haft wurde Reich von der 68er-Studentenbewegung als Idol sexueller Befreiung und antiautoritärer Erziehung wiederentdeckt. Sein transdisziplinärer Ansatz ist auch heute noch keineswegs ausgeschöpft. Dafür sorgt schon der an der Harvard Medical School lagernde Nachlass, der nun nach 50 Jahren erstmals öffentlich zugänglich wird.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.wilhelmreich.at

Reich betonte den Zusammenhang zwischen Sexualität und Neurosen.

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