Ärzte Zeitung, 14.11.2007

Göttinger Forscher untersuchen Prionen bei Hirschen

Wissenschaftler wollen klären, ob Hirnerkrankung von nordamerikanischen Hirschen auch auf Menschen übertragen werden kann

GÖTTINGEN (pid). Es passiert recht selten, dass beträchtliche Forschungsmittel aus Nordamerika nach Europa fließen. Göttinger Wissenschaftlern ist es gelungen, mit der Federführung für ein einzigartiges internationales Projekt zur Erforschung BSE-artiger Krankheitserreger beauftragt zu werden.

Die Forscher des Deutschen Primatenzentrums und der Göttinger Universitätsmedizin wollen untersuchen, ob die bei Hirschen in Nordamerika weit verbreitete Prionenkrankheit "Chronic Wasting Disease" (CWD) auch auf Menschen übertragbar ist. Initiator des Forschungsprojekts ist die "Alberta Prion Research Initiative" in Kanada. Sie fördert das Projekt mit 3,5 Millionen Euro. Davon fließen 2,45 Millionen Euro nach Göttingen. Das Land Niedersachsen beteiligt sich mit 250 000 Euro.

Die "chronisch zehrende Hirschkrankheit" CWD ist ähnlich wie die Rinderkrankheit BSE, die Schafkrankheit Scrapie und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) bei Menschen eine infektiöse Erkrankung des Gehirns. Sie hat sich in den vergangenen Jahren stark ausgebreitet. Inzwischen sei die Wildtierkrankheit in 14 US-Staaten und zwei kanadischen Provinzen aufgetreten, sagte der Virologe Professor Gerhard Hunsmann bei der Vorstellung des Projekts. Bis zu 20 Prozent der Population sei befallen, in Gehegehaltungen sogar bis zu 80 Prozent. Die erkrankten Tiere nehmen rasant ab und sterben schließlich an völliger Entkräftung oder Lungenentzündung. In Europa wurden bislang noch keine derartigen Erkrankungen bei Hirschen festgestellt.

Das Forschungsprojekt soll nun klären, ob sich Jäger etwa beim Aufbrechen des Wildbrets über Schnittverletzungen infizieren können. Denn in den USA gebe es zehn Millionen Jäger, so Hunsmann. Auch eine Übertragung der Erreger über die Nahrung sei denkbar. Um dies zu untersuchen, wollen die Forscher mit CWD-Erregern kontaminiertes Futter an Affen verfüttern. Außerdem wollen sie die Übertragung auf Zellkulturen und mögliche Infektionswege bei Nagetieren erforschen.

Göttingen ist bereits seit Jahren ein Zentrum der Erforschung von Prionenkrankheiten. Die Abteilung Neuropathologie der Universität etwa ist das nationale Referenzzentrum für derartige Erkrankungen bei Menschen. In einem Forschungsprojekt am Deutschen Primatenzentrum wurde zudem festgestellt, dass BSE-haltige Nahrung bei Affen entsprechende Erkrankungen auslösen kann.

Jäger könnten sich womöglich am Fleisch kranker Tiere infizieren.

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