Ärzte Zeitung, 07.12.2007

Ein Hochseilartist kennt (fast) keine Angst

Nach einem schweren Unfall ist Johann Traber wieder auf dem Seil / "Ich wollte zeigen, dass es immer weiter geht"

FRANKFURT/MAIN. "Mir geht‘s einfach nur gut", erklärt Johann Traber. Obwohl man seiner Stimme anhört, dass ihm das Sprechen Mühe bereitet, schwingt in ihr nicht der Hauch eines Zweifels. Anderthalb Jahre nach seinem schweren Unfall führt der Hochseilartist ein weitgehend selbstbestimmtes Leben.

Johann Traber junior (oben) und Vater Johann Traber senior waren oft zusammen auf dem Hochseil. Einer ihrer Weltrekorde: 16 Salti mit einem Motorad um ein in 50 Meter Höhe gespanntes Stahlseil.

Foto:dpa

Von Pete Smith

Es ist der 21. Mai 2006, ein Sonntag. Johann Traber junior, jüngster Spross einer der bekanntesten Artistenfamilien der Welt, ist Stargast beim Eröffnungsfest des Hamburger Jungfernstiegs. In 35 Meter Höhe führt der 22-Jährige vor 20 000 Zuschauern spektakuläre Balance- und Pendelübungen vor. Plötzlich knickt ein Mast ein. Der Hochseilartist schleudert gegen eine Stange und bleibt in 25 Meter Höhe an einem Sicherungsseil hängen. Sein Vater, Oberhaupt der Artisten-Dynastie, ist als erster an der Unglücksstelle. Gemeinsam mit der Feuerwehr kann er seinen Sohn bergen. Sein Sohn lebt…

Ob er überlebt, steht lange Zeit in den Sternen. Die Ärzte in der Asklepios Klinik St. Georg diagnostizieren unter anderem eine Schädelbasisfraktur, Hirnverletzungen, eine Fraktur des Jochbeins und des Unterkiefers, einen beidseitigen Beckenbruch, Rippenbrüche, offene Frakturen des linken Unter- und Oberschenkels sowie Verletzungen an der Wirbelsäule. Johann Traber liegt sechs Wochen im künstlichen Koma.

Johann Traber junior wurde bis heute 30 Mal operiert

"Ich war Totalschaden", fasst es Johann Traber junior im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" zusammen. Bis heute wurde er fast dreißig Mal operiert; von einst 75 durchtrainierten Kilogramm Körpergewicht magerte er auf 50 Kilo ab; anderthalb Jahre nach dem Unglück geht er in Bad Krozingen täglich in die Reha, gehören Psychotherapie, Physiotherapie, Ergotherapie und Sprachtraining zu seinem Alltag. Und doch ist er längst wieder aufs Seil zurückgekehrt. Im Mai dieses Jahres, genau ein Jahr nach seinem Absturz, trat er gemeinsam mit seinem Vater beim Frühjahrsfest in München auf.

"Dass ich das kann, bedeutet mir alles", wiederholt er. "Selbst zu sehen, dass ich kein Krüppel geworden bin, den Leuten zu zeigen, dass es immer weiter geht…"

Der Vater entschließt sich, seinen Sohn auf die ihm eigene Weise zur Rückkehr ins Leben anzuspornen: Er bricht dessen Weltrekord, indem er nur auf dem Hinterreifen eines Motorrads fahrend auf 57 Kilometer pro Stunde beschleunigt. Diesen Rekord, so spekuliert Johann Traber senior, wird sich sein Sohn mit Sicherheit zurückholen wollen.

Wer zuviel nachdenkt, der bekommt Angst

Es ist nicht der spektakulärste Rekord im Vergleich zu dem, was die Trabers schon gewagt haben. Schließlich sind sie bereits auf einem Stahlseil vom Ost- zum Westgipfel der Zugspitze und mit dem Motorrad über das Brandenburger Tor gebraust. Aber für einen, der bis vor kurzem mehr tot als lebendig war, bedeutet das Wagnis "alles".

Ob er Angst habe, nach einem derart schweren Unglück wieder in schwindelerregende Höhen zu klettern und dort über ein nur wenige Zentimeter dünnes Seil zu fahren?

"Ich mach‘s einfach", erwidert der 24-Jährige ohne zu zögern. "Ich denke nicht viel nach. Wenn ich das täte, dann bekäme ich Angst. Deshalb lasse ich es." Und nach einem Augenblick des Schweigens fügt er hinzu: "Angst habe ich vor Hunden."

Da ist er so wie sein Vater. Der war gemeinsam mit seinem Bruder Charly in den Siebzigerjahren aus dreißig Meter Höhe abgestürzt. Bereits am nächsten Tag, so steht es in den Annalen, sind die beiden wieder aufgetreten. Ihr Vater hatte sie ins Gebet genommen: "Wenn ihr jetzt nicht auf das Seil geht, werdet ihr nie wieder auf ein Seil gehen."

Was folgte, waren der Zugspitzen-Coup, Stunts für den James-Bond-Film "Moonraker", Auftritte vor Staatsoberhäuptern und die Verleihung der Ehrenbürgerschaft Monacos. Johann Traber junior hält die Artistentradition der Familie, die bis ins Jahr 1799 zurückreicht, hoch. Bei der Expo in Hannover verbrachte er 17 Tage und Nächte auf dem Hochseil - ein Weltrekord. Weitere sollen folgen, ebenso neue Reisen in die weite Welt, schließlich sind die Trabers Globetrotter und Traber junior kann sich in sechs Sprachen verständigen.

"Aber das erste Ziel ist, gesund zu werden", gibt sich der 24-Jährige einen Moment lang ungewohnt bescheiden, um sogleich wieder aufzudrehen. "Und dann will ich so schnell wie möglich eine Frau finden."

STICHWORT

Die Traber-Familie

Familie Traber ist Deutschlands bekannteste Artistenfamilie. 1406 erstmals urkundlich erwähnt, führt die Familie seit 1799 Artistik auf dem Hochseil vor. Heute agieren die Trabers von Baden-Württemberg und Brandenburg aus. Johann Traber senior lebt mit seiner Familie in Vogtsburg am Kaiserstuhl und sein Bruder Falko in Breisach, Peggy und Karl Traber wohnen hingegen in Oranienburg. Beide Familien haben etliche Weltrekorde aufgestellt, allerdings hat es auch immer wieder schwere Unglücke gegeben. (Smi)

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