Ärzte Zeitung, 14.12.2007

INTERVIEW

Was Behinderte sich von ihren Ärzten wünschen

Menschen mit Behinderung leiden nicht nur unter ihrer körperlichen Einschränkung, sondern auch darunter, dass sich Mitmenschen meist aus Unsicherheit ihnen gegenüber befangen verhalten. Auch das Verhältnis zu Ärzten ist nicht immer frei von dieser Problematik. Die seit einigen Jahren erblindete Psychologin und Psychotherapeutin Eva-Maria Glofke-Schulz kennt diese Situation von zwei Seiten - aus Sicht der Therapeutin wie aus der einer Patientin. Über ihre Erfahrungen sprach sie mit der "Ärzte-Zeitungs"-Mitarbeiterin Dr. Ina Schicker.

ÄZ: Welche besonderen Schwierigkeiten können sich im Umgang von Ärzten oder Therapeuten und Menschen mit Behinderung ergeben?

Glofke-Schulz: Manchmal entsteht der Eindruck als bestünde auch bei "Profis" zum Teil wenig Wissen darüber, was eigentlich eine Behinderung ist. Neben bestimmten realen Nöten der Betroffenen werden oft gerade ihre Kompetenzen und Fähigkeiten übersehen. Das führt leicht zu einer Haltung, die Betroffene als herablassend, mitleidsvoll, überfürsorglich oder wenig einfühlsam erleben.

ÄZ: Was sind mögliche Gründe für dieses Verhalten?

Glofke-Schulz: Aus Studien wissen wir, dass auch Ärzte und Therapeuten, die in ihrer Ausbildung auf dieses Arbeitsgebiet meist wenig vorbereitet werden, keineswegs frei sind von unbewussten Vorurteilen und Stigmatisierungsmustern. Die Ambivalenz zwischen affektiven und sozial erwünschten Reaktionen, Schuldgefühle, Ängste, eine Fixierung auf die Behinderung als angeblich zentrales Charakteristikum des Betroffenen - all das fördert Spannungen zwischen einem Arzt und seinem Patienten mit einer Behinderung.

ÄZ: Worauf sollten Ärzte denn ihrer Meinung nach im Umgang mit behinderten Patienten besonders achten?

Glofke-Schulz: Es ist wichtig, die eigenen Einstellungen selbstkritisch zu hinterfragen. Nötig ist auf jeden Fall eine große Offenheit dafür, zu hören und verstehen zu wollen, was Menschen mit Behinderungen über ihr Leben und Erleben, über ihre Nöte und Stärken berichten. Behinderte Menschen wollen zudem als gleichberechtigte Interaktionspartner ernst genommen und als Persönlichkeiten mit all ihren Stärken und Schwächen, ihren Kompetenzen und Anliegen wahrgenommen werden. Sie möchten über die medizinischen Aspekte ihrer organischen Schädigung umfassend aufgeklärt, aber nicht bevormundet werden. Dazu braucht es Zeit. Wichtig ist, ein Ohr auch für die sozialen und seelischen Belange zu haben. Vermitteln Sie Kontakte zu Selbsthilfegruppen, ohne den Betroffenen dahin abzuschieben. Sehen Sie seine Nöte, aber trauen Sie ihm auch etwas zu. Vielen hilft übrigens auch eine gesunde Portion Humor zur Entkrampfung der Situation. Sollte eine gewisse Befangenheit anfangs bleiben, stehen Sie ruhig dazu, geben Sie sich nicht betont locker - das macht alles nur noch schlimmer. Wenn es gelingt, ins Gespräch darüber zu kommen, dann kann die Auseinandersetzung mit einer Behinderung eine durchaus positive Herausforderung sein.

ZUR PERSON

Die erblindete Psychotherapeutin Eva-Maria Glofke-Schulz aus Rosenheim setzt sich in ihrem Buch "Löwin im Dschungel: Blinde und sehbehinderte Menschen zwischen Stigma und Selbstwerdung" (Psychosozialverlag, 2007) am konkreten Beispiel Blindheit wissenschaftlich fundiert und persönlich engagiert mit den verschiedenen Facetten des Umgangs mit Menschen mit Behinderung auseinander.

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