Ärzte Zeitung, 20.02.2008

"Techno-Doping" durch Prothesen? Ein Leichtathlet kämpft gegen das Startverbot

Der unterschenkelamputierte Sprinter Oscar Pistorius will bei den Olympischen Spielen antreten - darf aber nicht

FRANKFURT/MAIN. Die Zukunft ist jetzt: Erstmals in der Geschichte der Menschheit dringt ein Hochleistungssportler mit biomechanischer Unterstützung in die Weltklasse ein. Der unterschenkelamputierte Sprinter Oscar Pistorius erzielt mit Hilfe seiner Karbonprothesen Spitzenzeiten, die sich mit den Bestleistungen nichtbehinderter Athleten messen lassen. Darf er also in Wettkämpfen gegen die Sprintstars der Welt antreten? Oder ist er durch seine Prothesen unerlaubt im Vorteil?

Von Pete Smith

Zum Sieg gesprintet: Der südafrikanische Leichtathlet Oscar Pistorius ist so schnell wie nichtbehinderte Kollegen - doch in Peking antreten darf er nicht.

Foto: dpa

Der 21-Jährige Südafrikaner will unbedingt im Sommer an den Olympischen Spielen von Peking teilnehmen. Doch dieser Traum ist (vorerst) ausgeträumt. Der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) hat dem mehrfachen Behindertensport-Weltrekordler untersagt, beim Wettkampf der Nichtbehinderten zu starten. Grundlage hierfür war eine 30-seitige Expertise eines deutschen Wissenschaftlers. Professor Gert-Peter Brüggemann vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Deutschen Sporthochschule in Köln kommt nach eingehenden Beobachtungen des Sportlers zu dem Ergebnis, dass die Karbonprothesen Pistorius einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, der nicht hinzunehmen sei.

Auf der Highschool spielte er Rugby, Tennis und Wasserpolo

Oscar Pistorius wurde 1986 in Johannesburg geboren. Durch einen Gendefekt fehlten ihm bei der Geburt beide Wadenbeine, sodass ihm im Alter von elf Monaten knieabwärts die Beine amputiert und durch Prothesen ersetzt wurden. Schon an der Highschool entwickelte er sich damit zum Sportstar, spielte Rugby, Tennis und Wasserpolo. Später wechselte er in die Leichtathletik. Zuerst ließ er die Fachwelt 2004 bei den Paralympics aufhorchen, als er 18-jährig mehrere Medaillen gewann. Im vergangenen Jahr durchbrach er gleich mehrere "Schallgrenzen": Im 100-Meter-Sprint lief er mit 10.91 als erster Behindertensportler unter elf Sekunden, im 200-Meter-Sprint mit 21.58 erstmals unter 22 Sekunden.

Behindert? Dieses Attribut lehnt Pistorius ab

Diesen beiden Weltrekorden ging ein dritter voraus, jener über 400 Meter (46,56 Sekunden). Pistorius' Leistungen sind so fabelhaft, dass man ihn "Fastest thing with no legs" nennt oder auch den "Blade-Runner". Er selbst sagt, dass er nicht behindert ist, sondern nur "ohne Beine".

So ist es kein Wunder, dass ihm Höheres vorschwebt als "nur" die Teilnahme an den nächsten Paralympics im September. Bei den Sommerspielen in Peking wollte er eigentlich in der südafrikanischen 4x400-Meter-Staffel antreten. An der Qualifikationszeit ist er ganz nah dran. 45,95 Sekunden müsste er laufen, um die Olympia-Norm zu erreichen.

Im Jahr 2012 in London gäbe es eine neue Chance bei Olympia

Nach dem vorläufigen Aus durch die IAAF-Entscheidung gibt sich Pistorius kämpferisch: "Gegen diese Entscheidung werde ich auf höchster Ebene angehen." Das höchste Gremium ist der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne. Sollte er auch dort unterliegen, wäre sein Kampf jedoch immer noch nicht vorbei, wie sein Manager Peet van Zyl betont: "Wenn es in Peking nicht klappt, ist das noch nicht das Ende für uns. 2012 könnte er dann in London im südafrikanischen Olympiateam stehen. Der Sprecher des Leichtathletik-Weltbands sprach in seiner Begründung gegen Pistorius' Teilnahme von "Techno-Doping".

Er warnte davor, dass eines Tages auch Athleten mit eingebautem Propeller antreten könnten. Doping allerdings ist in diesem Zusammenhang ein irreführender Begriff. Denn Pistorius verstößt gegen die Wettkampfregel 144.2 (e), die technische Hilfsmittel wie Federn, Räder oder eine ähnliche Unterstützung verbietet.

Maßgefertigte Springfüße sind aus Karbonfasern

Der Südafrikaner läuft auf Cheetah-Rennprothesen aus 100 Prozent Karbonfasern. Laut Hersteller der so genannten "Sprintfüße", dem Unternehmen Össur mit Europa-Sitz in den Niederlanden, verfügen alle Prothesen der Produktserie über volle Vorfußhebel, simulierte Knöchelbeweglichkeit, proportionale Energierückgabe und gute Stoßdämpfungseigenschaften. Die Sprintfüße sind maßgefertigt. Ian Fothergill, Össurs Clinical Marketing Manager und Orthopädietechniker, hebt auf der Homepage der Firma hervor, dass die Prothesen "bei der Energiespeicherung aus der Muskelkontraktion der Hüfte und vom Bein sowie der Energieabgabe höchst effizient" seien.

Experte sieht biomechanische Vorteile durch die Prothesen

Gleichzeitig macht er aber auch deutlich, dass nicht die Prothese, sondern der Athlet Höchstleistungen vollbringt: "Man muss bedenken, dass er die natürliche Kraft seiner Füße ersetzen muss und dass seine Hüftmuskeln 70 Prozent mehr zu leisten haben. Zusätzlich ist auch noch eine höhere Kniestabilität erforderlich, um die Stümpfe in der Prothese zu stabilisieren."

Brüggemann kommt in seiner biomechanischen Untersuchung, die noch nicht veröffentlicht worden ist, zu dem Ergebnis, dass der mechanische Vorteil, den sich Pistorius durch seine Prothesen verschafft, im Vergleich zu nichtbehinderten Athleten "höher als 30 Prozent" sei. Bei gleicher Laufgeschwindigkeit müsse Pistorius im Vergleich zu unversehrten Sprintern 25 Prozent weniger Energie einsetzen. Fazit: "Aus diesen Erkenntnissen geht klar hervor, dass ein Athlet mit Cheetah-Prothesen mit weniger Energieverbrauch genauso schnell sprinten kann wie nichtbehinderte Athleten."

STICHWORT

Paralympics

Die diesjährigen Paralympics, die Olympischen Spiele für Sportler mit einer körperlichen Behinderung, finden vom 6. bis 17. September in Peking statt. Veranstaltet werden sie vom Internationalen Paralympischen Komitee mit Sitz in Bonn. Die Athleten werden in unterschiedliche Kategorien eingeteilt, welche die Art der Behinderung und ihre Auswirkung auf die jeweilige Sportart berücksichtigen. Die Einteilung erfolgt nach fünf Behinderungsarten: Amputierte, Cerebralparetik, Sehbehinderte, Rollstuhlsport und andere. Seit 2004 sind geistig behinderte Sportler von den Paralympics ausgeschlossen. Für sie finden die Special Olympics sowie eine eigene Fußball-Weltmeisterschaft statt. Darüber hinaus gibt es noch die Deaflympics, Olympische Spiele für Gehörlose, sowie Down-Sportlerfeste für Menschen mit Trisomie 21. (Smi)

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