Ärzte Zeitung, 11.04.2008

Was tun mit Patienten über 200 Kilo?

Chirurgen am Hamburger Uniklinikum Eppendorf haben sich auf fettleibige Patienten spezialisiert

HALLE/HAMBURG (dpa). Patienten, unter denen sich die OP-Tische biegen, sind für Oliver Mann fast Alltag. Doch diese Patientin war selbst für den auf Fettleibigkeit spezialisierten Chirurgen am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf Rekord: 350 Kilogramm brachte die Frau auf die Waage.

Von Irena Güttel

 Was tun mit Patienten über 200 Kilo?

Patienten mit ein paar Kilos zuviel erschweren oft Rettungssanitätern und Ärzten die Arbeit.

Foto: dpa

"Vor einigen Jahren war das noch die absolute Ausnahme. Dieses Jahr hatten wir aber schon fünf, sechs Patienten über 200 Kilo." Und Hamburg ist kein Einzelfall. "Das ist ein Trend, der den Krankenhäusern zunehmend Sorge macht", sagt Daniel Wosnitzka von der Deutschen Krankenhausgesellschaft in Berlin.

Ein Blick in die Statistiken zeigt, vor welch schwer wiegenden Problemen das Gesundheitssystem steht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hat jeder zweite Erwachsene in Deutschland Übergewicht, davon gilt ein Fünftel als fettleibig. Vor allem Menschen in den neuen Bundesländern haben zu viel Speck auf den Rippen - was die Sanitäter vom Deutschen Roten Kreuz in Sachsen-Anhalt mit Wucht zu spüren bekommen. "Das muss man sich wie bei einem Umzug vorstellen, manche Patienten wiegen so viel wie ein Klavier", sagt der Sprecher des DRK-Landesverbandes in Halle, Dirk Rohra.

Regelmäßig müssen die Rettungsteams die Feuerwehr als Verstärkung rufen, die in besonders schweren Fällen auch mal Drehleiter oder Kran einsetzt. "Das Hauptproblem ist aber die Zeit", betont Rohra. Der Transport der Schwergewichtigen dauere viel länger, was in Notfällen kritisch werden könne. Die Erste Hilfe ist bei fettleibigen Kranken nicht einfach: Oft scheitern die Helfer schon beim Messen des Blutdrucks, weil die Manschette des Geräts nicht um die breiten Arme passt. Oder sie können Infusionen nicht setzen, weil die Venen unauffindbar sind.

Die Spezialisten im Krankenhaus behelfen sich mit feinen Schnitten ins Fleisch. Während zwei Assistenten die Fettmassen zur Seite drücken, sticht ein Arzt die Nadel in die freigelegte Vene. Für Oliver Mann sind die Operationen an den XXL-Patienten Schwerstarbeit - nicht nur körperlich. "Ich bin viel angespannter, weil ich immer daran denken muss, was theoretisch passieren könnte." Bei Eingriffen im Bauchraum versperrt ihm eine dicke Speckschicht die Sicht auf Organe und Hauptschlagadern. Um diese nicht versehentlich zu verletzen, muss er vorsichtig vorgehen.

Bildgebende Verfahren sind den Ärzten dabei keine Hilfe. Ab einem gewissen Umfang passen die Patienten nicht in die Röhren von Computer- oder Kernspintomographen, herkömmlicher Ultraschall dringt nicht tief genug ins Gewebe. Siemens Medical Solutions in Erlangen entwickelt deshalb breitere Röhren und Ultraschallgeräte mit einer tieferen Reichweite. Die Nachfrage nach der Spezialausrüstung steigt.

Dass sich mit Übergewichtigen Geschäfte machen lassen, haben Unternehmen wie Sizewise Rentals im westfälischen Senden längt erkannt. Nach US-Vorbild vermietet die Firma extra breite und stabile Betten, Gehhilfen, Rollstühle und Liftsysteme an Kliniken. Um 40 Prozent sei der Umsatz im vergangenen Jahr gestiegen, berichtet Firmenchef Uwe Gabler.

Für Manns Rekord-Patientin musste die Uniklinik noch ein Bett mieten. Künftig wird das nicht mehr nötig sein: Ende dieses Jahres will die Klinik in einen Neubau umziehen, in dem Betten und OP-Tische auf Übergröße ausgelegt sind.

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