Ärzte Zeitung, 08.05.2008

Hebamme hilft in Problemfamilien

Projekt "Keiner fällt durchs Netz" bietet Unterstützung bei sozialer Überforderung

HEIDELBERG (bd). Mit dem Projekt "Keiner fällt durchs Netz" sollen besonders belastete Familien vor und bis zu einem Jahr nach der Geburt eines Kindes durch Familienhebammen betreut werden.

 Hebamme hilft in Problemfamilien

Unterstützung: In Pforzheim betreut eine Familienhebamme (rechts) ein acht Wochen altes Baby und dessen Mutter.

Foto: dpa

Die eigens für ihre Aufgabe in Pro-blemfamilien ausgebildeten Hebammen unterstützen die Eltern oder Alleinerziehenden in praktischen Fragen wie etwa zum Stillen oder Impfungen, aber vor allem auch darin, die Signale ihrer Kinder richtig zu verstehen und eine sichere Bindung aufzubauen.

Damit soll bei potenziell überforderten Eltern rechtzeitig Unterstützung angeboten werden, mit dem Ziel elterliche Gewalt und Vernachlässigung der Kinder zu verhindern. Entwickelt wurde das Programm von dem Heidelberger Wissenschaftler für Systemische Familientherapie Professor Manfred Cierpka und koordiniert wird es von Dr. Andreas Eickhorst am Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg.

"Die Geburt eines Kindes ist für jedes Paar oder Alleinerziehenden eine Herausforderung, die durch erschwerte Bedingungen wie Krankheit, Raumnot, Arbeitslosigkeit, Armut, Drogenkonsum oft zu einer Überforderung führt", so Eickhorst zur "Ärzte Zeitung". Diese Familien sollen in dem Projekt gezielt unterstützt werden. Dabei gehe es nicht allein um sozial Schwache, auch eine gut situierte depressive Frau könne überfordert sein und Hilfe benötigen.

Hebammen mit Berufserfahrung wurden hierfür in 168 Stunden entsprechend fortgebildet. So wurden sie in der Entwicklungspsychologie eingehend geschult, lernten eine Krisenkommunikation zu führen oder psychische Krisen und psychosoziale Probleme zu erkennen. Die Familienhebammen besuchen, beraten und begleiten die Familien in ihrem häuslichen Umfeld regelmäßig während des gesamten ersten Lebensjahres des Kindes.

Sie werden eingeschaltet, wenn Gynäkologen schon während der Schwangerschaft eine besonders belastete Situation vorfinden. Aber auch Haus- und Kinderärzte oder die Ärzte in den Geburtskliniken können einbezogen werden. Der Kontakt wird über einen Sozialarbeiter hergestellt, der dem Jugend- oder Gesundheitsamt zugeordnet ist. Laut Eickhorst soll ein Netz zwischen Ärzten, Mitarbeitern von Beratungsstellen, Entbindungsstationen und Gesundheits-, Sozial- und Jugendämtern aufgebaut werden.

Bislang ist das Projekt nur im Saarland und an zwei Modellstandorten in Hessen verwirklicht. Finanziert wird es im Saarland durch Landesgelder, in Hessen durch die "hessenstiftung -familie hat zukunft".

Es wird am Heidelberger Institut für Familientherapie wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

Weitere Informationen: Andreas.Eickhorst@med.uni-heidelberg.de

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