Ärzte Zeitung, 25.06.2008

Bei Sparwassers 1:0 wehen die DDR-Flaggen

In Halle wird ein Theaterstück über die Fußball-Partie BRD-DDR aus dem Jahr 1974 zur Reise in die Vergangenheit

HALLE (dpa). An politischer Brisanz hat das einzige Fußballspiel-Länderspiel zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR auch nach 34 Jahren nichts verloren.

Bei der Uraufführung des Solo-Theaterstücks über den Fußballhelden der DDR-Nationalmannschaft bei der WM 1974, Jürgen Sparwasser, erheben sich rund 2000 Zuschauer im Kurt-Wabbel-Stadion in Halle von ihren Sitzen, als die Nationalhymne der DDR erklingt. Mit der Hand auf der Brust bewegen sie ihre Lippen; ihr Gesang kommt aber nicht gegen das 1972 gegründete Jugendblasorchester Halle an. DDR-Fahnen wehen zum Schluss. Dann spielt die Band die BRD-Nationalhymne. Ein Viertel der Theatergäste auf der Tribüne setzt sich dafür wieder.

Sparwasser hatte das Siegtor zum 1:0 für die DDR geschossen, die Gruppensieger wurde. Die BRD holte sich aber mit Kapitän Franz Beckenbauer den Titel. Das Theaterstück ist mehr als eine Zeitreise. Die Uraufführung ist ein fußballerisches Novum: Nur ein Mann steht auf dem Rasen und spielt auch noch ohne Ball. Der Schweizer Künstler Massimo Furlan improvisiert die Dribbler und Schüsse von Sparwasser, so wie dieser damals im Hamburger Volksparkstadion spielte.

Für seine Inszenierung "22. Juni 1974, 21 Uhr 03" hatte sich Furlan die Videoaufzeichnung des Länderspiels 40 bis 60 Mal angeschaut. Er habe trainiert wie "Rocky"-Star Sylvester Stallone - so heftig, dass er mit einer Oberschenkelstütze spielt. Die Zuschauer verfolgen das Spiel am Radio mit, das sie zuvor bekommen haben. Die UKW-Frequenz von Ost-Reporter Werner Eberhardt ist weit vor der von West-Reporter Heribert Faßbender geschaltet. Viele Zuschauer bleiben beim Ost-Reporter kleben. Eberhardt ist entrüstet über die Fehlpässe der "hochbezahlten Spieler" der BRD.

Abpfiff: Furlan geht mit roten Pausbacken vom Platz. Für ihn hat sich ein Kindheitstraum erfüllt: Vor 34 Jahren saß er in seinem Kinderzimmer, mit einem kleinen Radio und Miniball. "Ich bin nicht verrückt, ich bin ein Künstler. Es geht um das kollektive Gedenken", sagt er.

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