Ärzte Zeitung, 01.07.2008

Folteropfer oft ohne Behandlung

Zentrum für Flüchtlinge: Ärzte sollten bei Patienten Traumafolgen im Blick haben

DÜSSELDORF (iss). Das Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge in Düsseldorf (PSZ) hat im vergangenen Jahr mehr als 400 Flüchtlinge, die unter den Folgen von Folter, Krieg und Gewalt leiden, und 250 Angehörige behandelt. Das klingt viel, aber: "Wir hatten mehr als das Fünffache an Anfragen", berichtete die Psychotherapeutin Eva van Keuk, die seit zwölf Jahren im PSZ Flüchtlinge betreut.

"In unserem Gesundheitssystem ist nicht sichergestellt, dass Flüchtlinge und Folteropfer adäquat behandelt werden", sagte van Keuk anlässlich des Internationalen Tags zur Unterstützung von Folteropfern.

Das PSZ behandele nicht nur Flüchtlinge, die neu nach Deutschland kommen, sondern auch Menschen, die schon lange in Deutschland leben und bei denen sich die psychischen Erkrankungen chronifiziert haben. Zwar regeln die EU-Aufnahmerichtlinien seit Februar 2005, dass Flüchtlinge, die Folter, Vergewaltigung oder andere schwere Gewalttaten erlitten haben, die erforderliche Behandlung erhalten müssen. Oft würden die Betroffenen in den Aufnahmeverfahren gar nicht erkannt.

Außerdem würden die Strukturen den Folteropfern überhaupt nicht gerecht, sagte sie. "Sie müssen im Asylverfahren ihre Geschichte widerspruchsfrei, detailliert und chronologisch schildern. Das können Traumatisierte häufig nicht", betonte van Keuk. "Wir brauchen hier an verschiedenen Stellen den Sachverstand von Heilberuflern", forderte sie.

"Ärzte sind auf vielen verschiedenen Ebenen gefordert", sagte Professor Johannes Kruse, leitender Oberarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Rheinischen Kliniken Düsseldorf. Er kritisiert, dass nur die post-traumatischen Belastungsstörungen als Asylgrund anerkannt werden, nicht aber andere Erkrankungen wie schwere Depressionen. "Es gibt ein Problem des Transfers der wissenschaftlichen Erkenntnisse, was Folgen von Folter sein können."

Haus- und Fachärzte sollten bei Patienten mit einem Flüchtlingshintergrund immer auch mögliche Traumafolgen im Blick haben und sie auf Hilfsangebote verweisen, sagt er. Kruse begrüßte die Ächtung der Folter durch den Deutschen Ärztetag. "Die Positionierung der Ärzteschaft ist eindeutig." Sorgen macht ihm, dass Folter in der öffentlichen Diskussion nicht länger ein Tabu sei: "Wir haben ein gesellschaftliches Problem. Es gibt zunehmend Zeichen für ein Akzeptieren der Folter."

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