Apotheker plus, 22.08.2008

Pesthauch und Himmelsduft

Qualmende Räuchergefäße und Lavendelduft sollten vor 500 Jahren den Menschen die Pest vom Leib halten. Bei Themenführungen im Heidelberger Schloss wird das alte medizinische und pharmazeutische Brauchtum lebendig.

Von Marion Lisson

Sollte Patienten und Ärzte schützen: der Heilige Cosmas, Schutzpatron der Ärzte.

Foto: mm

Eine dicke Ratte sitzt mitten auf dem Rezepturtisch. Das Nagetier scheint die 30 Besucherinnen des Deutschen Apothekermuseums direkt anzuschauen. "Die Pest als schlimmste Seuche, die die Menschheit geißelte", ist Leitmotiv des heutigen Museumsrundgangs. Die ausgestellte Ratte - als Überbringer der Krankheit - kann zum Glück kein Unheil mehr anrichten. Sie ist ausgestopft.

Besucher werden um Jahrhunderte zurückversetzt

Krankenpflegeschülerinnen des St. Josefs Krankenhauses in Heidelberg sind zu Gast im Apothekermuseum. Die Mädchen im zweiten Ausbildungsjahr sind beeindruckt. Das Museum ist in den Räumen des Heidelberger Schlosses untergebracht. Die kleine Gruppe steht in einer altehrwürdigen Apothekeroffizin. Der kühle Raum mit der dunklen Gewölbedecke versetzt die Besucher sofort um Jahrhunderte zurück.

Martin Wagner lehnt am Rezepturtisch, neben ihm steht eine große Waage. "Pesthauch und Himmelsduft" heißt sein Thema heute. Der Geschichtsstudent ist umgeben von hohen dunklen Holzregalen, in denen jede Menge kleine Gefäße, zugestöpselte Flaschen, Schächtelchen und Mörser zu sehen sind. Unter dem Rezepturtisch sind viele kleine Schubladen, in denen noch heute Kräuter untergebracht sind.

Rund 20 000 Objekte und damit die umfangreichste und qualitätsvollste pharmaziegeschichtliche Sammlung weltweit ist in Heidelberg zu sehen. Wertvolle Gefäße aus originalen Apothekeneinrichtungen des 17. bis 20. Jahrhunderts, exotische Arzneimittel und Rohdrogen, seltene Destillierapparaturen und rare Laborgläser gehören dazu. "Echt fett, hier sieht es aus wie in meinem alten Kinderbuch", freut sich eine der angehenden Krankenpflegerinnen.

"Die Pest galt als kollektive Strafe", informiert Wagner gerade seine Besucherinnen. Eindrücklich erzählt der Viertsemestler von widrigen Lüften, aufgeschnittenen Beulen, innerer Fäulnis, aber auch von Aderlass und Schröpfköpfen. Er berichtet den Mädchen von den ab dem 15. Jahrhundert wichtigsten Heilkräutern, von Engelwurz, Mistel und Kampfer. Seine Zuhörerinnen reagieren gelassen. Von vielen der genannten Kräuter und Mittel haben sie schon einmal in ihrer Ausbildung etwas gehört.

Als Wagner auf eine ausgestellte dicke Kröte zeigt, kommen die jungen Frauen einen Schritt näher. Dass man diese schrumpligen Tiere damals auf die Pestbeulen legte, um das vermeintliche Gift daraus zu ziehen, verwundert sie sehr. Und dass man getrocknete Krötenhaut gar zu medizinischem Pulver zerrieb, finden die meisten der 30 Mädchen "schon ein bisschen eklig".

Etwa 300 Themenführungen finden pro Jahr statt

"Und dennoch darf man angesichts all dieser medizinischen Überlegungen und Versuche von damals nicht glauben, die Mediziner von früher seien nur Quacksalber gewesen", so Geschichtsstudent Wagner. Das sei kein "Idiotentum" gewesen. Die Medizin habe eben eine Geschichte. Alles habe sich erst entwickeln müssen.

Führungen wie die zur Pest haben im Deutschen Apothekenmuseum Tradition. 15 Studenten helfen den festangestellten Museumsleuten bei Veranstaltungen wie "Mord aus zarter Hand", "Alraune und Einhorn" und "Hexenflug und Zaubertrank". 300 solcher Führungen und Abend-events finden pro Jahr statt. Experimentierfreudige Erwachsene oder Kinder dürfen dabei auch schon einmal selbst Hand anlegen, Pillen drehen oder Teemischen. "Das ist ein bisschen wie bei Harry Potter. Der hätte auch noch ein wenig über Zaubermittel lernen können", findet Laura, eine zehnjährige Schülerin, die ihren Geburtstag hier feiern will und sich gerade mit ihrer Mutter im Vorraum des Museums informiert.

Informationen

Nicht nur zur Pest gibt es Führungen im Heidelberger Apothekenmmuseum. Mehr Infos zu Veranstaltungen unter: info@deutsches-apotheken-museum.de

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