Ärzte Zeitung, 30.03.2009

Was der Sohn treibt, interessiert Eltern oft nicht

Das ist nach dem Amoklauf von Winnenden kaum zu glauben: Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl von Gewalttaten, die von Jugendlichen verübt werden, kontinuierlich zurückgegangen.

Von Raimund Schmidt

Jugendgewalt nimmt statistisch gesehen ab - positive gesellschaftliche Auswirkungen sind nicht zu erkennen.

Foto: imago

Die jüngste Jugendstudie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen bestätigt einen bemerkenswerten Trend. Lediglich bei gefährlichen und schweren Körperverletzungen an und durch Jugendliche, die im Extremfall dann auch zu Amokläufen führen können, ist zuletzt ein leichter Anstieg tatverdächtiger junger Menschen im Alter zwischen 18 und 21 Jahren registriert worden. Ansonsten gilt: Die Zahl der Gewalttaten ist rückläufig.

Dr. Gabriele Trost-Brinkhues aus Aachen und Professor Peter Wetzels aus Hamburg haben beim Jugendmedizinkongress des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Weimar auf diese Entwicklung hingewiesen. Generell würde jedoch in der Öffentlichkeit der Eindruck entstehen, dass junge Menschen heute grundsätzlich gewaltbereiter seien. Dies ist jedoch nach Angaben von Wetzels "eindeutig nicht der Fall". Als gesichert gilt, dass die Sensibilität für Gewalttaten in der Bevölkerung gestiegen ist. Auch sei heute die Bereitschaft höher, eine Anzeige zu erstatten.

Nach Wetzels Angaben hat sich die Zahl der tatverdächtigen Kinder bis 14 Jahre in den vergangenen zehn Jahren reduziert. Auch der Anteil der gewalttätigen Jugendlichen von 14 bis 18 Jahren hat seit 1999 geringfügig abgenommen. Sorgen bereiten dem Hamburger Kriminologen die Altersgruppe der 18 bis 21-Jährigen, die konstant für zehn Prozent aller Gewalttaten verantwortlich sind.

Eine Trendumkehr stellt Wetzels bei der Gewaltbereitschaft von Eltern fest. "Eltern schlagen ihre Kinder heute weniger als vor 15 Jahren", zugleich steige aber das Desinteresse der Eltern "an den Dingen, die ihre Kinder so treiben". So könnten viele Kinder und Jugendliche ohne jede Kontrolle in virtuelle Welten entfliehen, aus denen dann neues Gewaltpotenzial erwachsen könne. Da sowohl im Elternhaus als auch in der Schule die pädagogische Kontrolle fehlt, gehe die Schere zwischen kompetenten Erziehungsberechtigten und solchen Eltern, deren Kinder in einen Gewaltkreislauf hineingeraten können, immer weiter auseinander.

Strafen und Verurteilungen versprechen als Sanktionen kaum Erfolg, stellt Wetzels fest: "Je einschneidender sanktioniert wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass junge Menschen bei nächster Gelegenheit erneut gewalttätig werden."

Mehr Anzeigen, weniger Delikte

Wurden im Jahr 1998 26,5 Prozent aller Raubtaten Jugendlicher angezeigt, waren es 2005 bereits 30,5 Prozent. Obwohl die Zahl der Raubdelikte von Jugendlichen sinkt, werden immer mehr Raubtaten bei den Behörden gemeldet. Ähnlich verlaufen die Trends der Anzeigequote wegen Erpressung (Anstieg von 18,6 auf 24,2 Prozent) sowie wegen sexueller Gewalt (Steigerung von 2,5 auf 9,6 Prozent). Sexualdelikte an und durch Jugendliche kommen vermehrt vor, der Schweregrad von Gewaltdelikten hat aber abgenommen. (ras)

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