Ärzte Zeitung, 21.04.2009

Bonzokratie, Preußenschlag und Zinsknechtschaft

Düsseldorfer Linguisten erforschen die Sprachgeschichte der Weimarer Republik / Vieles war schon damals "unfassbar modern"

DÜSSELDORF (dpa). Rund 150 Wörter umfasst die Liste, doch nur wenige davon sind heute noch gebräuchlich. Spätestens bei Bonzokratie, Preußenschlag oder Zinsknechtschaft steht der ein oder andere vor einem Rätsel.

Was aussieht wie ein Auszug aus dem Grimmschen Wörterbuch, ist das Zwischenergebnis eines linguistischen Forschungsprojektes über die 20er Jahre - einem "Weimarer Stichwort-Vokabular". Damit wollen die beiden Linguisten Professor Georg Stötzel und Dr. Thorsten Eitz von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität die erste umfassende Sprachgeschichte aus der Zeit der Weimarer Republik schreiben.

Bislang sei diese bedeutende Epoche mit ihren vielen und teils bis heute wirksamen politischen, sozialen und kulturellen Neuerungen noch nicht gründlich sprachwissenschaftlich untersucht worden, so die Forscher. "Offensichtlich ist die Weimarer Republik linguistisch in Vergessenheit geraten. Wir wollen jetzt eine gesellschaftliche Selbstaufklärung betreiben." Bisherige Untersuchungen seien durch zu wenig Material zu den falschen Schlüssen gekommen. Oft hätten diese Projekte die Sprache der Weimarer Epoche nur auf die Vorstufe des Nazi-Deutsch reduziert.

Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert.

Auf drei Jahre ist das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Projekt angelegt. Derzeit analysieren die Wissenschaftler vier Wochen- und zehn Tageszeitungen der gesamten Parteienlandschaft - von der links-pazifistischen "Weltbühne" über die bürgerlich-liberale "Frankfurter Zeitung" bis zum "Völkischen Beobachter" der Nazis. Aber auch Wahlplakate, Regierungsakten, stenografische Berichte des Reichstags, Wörterbücher, Lexika und politische Handbücher nehmen die Düsseldorfer Wissenschaftler unter ihre linguistische Lupe.

Bereits nach wenigen Wochen der Analyse von bisher in 20 Aktenordnern gesammelten Zeitungsartikeln und Redetexten "können wir erste überraschende Ergebnisse vorweisen", sagt Eitz. So sei "die lange geäußerte These, dass die NS-Sprache den Deutschen übergestülpt worden sei, absolut falsch", resümieren die Linguisten. Sie vermuten dahinter eine willkommene Entschuldigung der 1945 besiegten Deutschen für ihre angebliche "Verführbarkeit".

Sprachlich gebe es aber "kaum etwas originär Nationalsozialistisches": Berüchtigte Kampf-Vokabeln wie das böse "Stigma-Wort" vom "Schanddiktat" für den Versailler Frieden seien schon längst vor 1933 im Umlauf gewesen - und das quer durch das Weimarer Parteienspektrum. Dies gelte auch für das Wort "System", mit dem die Linke häufig den Kapitalismus, Rechte wie Linke aber auch die Republik attackiert haben. Eines der wenigen wirklich typischen Nazi-Produkte "ist das Wort Nationalsozialismus‘ als Vereinigung von zwei politischen Kampfwörtern", erklärt Eitz.

Gleichzeitig zeige die Sprachuntersuchung "Weimars" aber auch, wie "unfassbar modern" der krisengeschüttelte Nachkriegsstaat war. So habe es in den 20er Jahren eine Abtreibungsdebatte unter dem Slogan "Dein Bauch gehört Dir" gegeben.

Und im damaligen Streit um die Reformpädagogik "fehlt nur noch die Überschrift Gesamtschule", so Eitz. Auch die Erörterung der Arbeitslosenfürsorge zeige: "Das ist unsere Diskussion."

Ob die Weimarer Republik sprachgeschichtlich eine eigene Periode im modernen Deutsch darstelle, könne man erst am Ende sagen, dämpft Linguist Eitz voreilige Erwartungen. Wie weit diese Zeit aber als "sprachliche Vorgeschichte der Bundesrepublik" auch in die Gegenwart reicht, zeigt nach Erkenntnis der Düsseldorfer Experten nicht nur die fast wörtliche übernommene Vereidigungsformel für Minister: "(…) dem Wohle des deutschen Volkes". Auch das Schmähwort "Sowjetrussland" für die UdSSR aus dem Mund des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer sei in der Weimarer Ära geprägt worden. Das gilt auch für den bereits 1932 von der Zentrumspartei verwendeten Wahlslogan "Keine Experimente", den Adenauer im Wahlkampf 1957 wieder aufgegriffen hat.

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