Ärzte Zeitung, 20.05.2009

Eine Geste der Menschlichkeit

Der Film "Das Herz von Jenin" zeigt die Geschichte einer Organspende

FRANKFURT/MAIN (smi). Bei einer Razzia wird der zwölfjährige Ahmed aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Jenin von israelischen Soldaten erschossen. Sein Vater Ismael spendet die Organe seines Sohnes - auch an Juden. Aus der wahren Geschichte entstand der Film "Das Herz von Jenin".

Ismael Khatib besucht Samah, die mit dem Herz von Ahmed lebt.

Foto: Arsenalfilm

Ahmed ist zwölf, als er mit Freunden Krieg spielt. Araber gegen Juden, das ist normal im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin. Doch an diesem Tag vor vier Jahren wird aus dem Spiel Ernst. Israelische Soldaten halten Ahmeds Spielzeuggewehr bei einer Razzia für eine Kalaschnikow und schießen ihm in den Kopf. Sein Vater sitzt am Bett des sterbenden Jungen und entscheidet, dass Ahmeds Organe fremdes Leben retten sollen - auch jüdisches.

Es ist eine wahre Geschichte, die die Regisseure Lior Geller und Marcus Vetter unter dem Titel "Das Herz von Jenin" ins Kino gebracht haben. Die bewegende Dokumentation, die mit dem "Cinema for Peace Award 2009" ausgezeichnet wurde, ist auch in Deutschland zu sehen - im Original mit deutschen Untertiteln.

Ismael Khatib blieben zwölf Stunden Zeit für seine Entscheidung. Gerade hatten die Ärzte im Krankenhaus in Haifa, Nord-Israel, Ahmeds Hirntod festgestellt. Das Herz des Jungen schlug mit Hilfe der Maschinen weiter. Plötzlich kam ihm die Idee, die Organe seines Sohnes zu spenden. Andere Kinder würden mit Ahmeds Hilfe überleben - auch israelische Kinder. Vor dem Hintergrund des Konflikts musste er jedoch zuvor die religiösen Führer in Jenin um Erlaubnis fragen. Sie hatten keine Einwände.

Sechs Kinder erhalten die Organe von Ahmed.

Ismael Khatibs Entscheidung hatte weitreichende Konsequenzen, wie der Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin" erzählt. Sechs Kinder erhalten Ahmeds Organe, von denen fünf weiterleben. Aufgrund dieser menschlichen Geste steht die Familie des Spenders Monate lang im Fokus der Öffentlichkeit. Doch ihre Entscheidung trifft auch auf Unverständnis. Freunde rücken von ihr ab. Lior Geller überredet Ismael Khatib, die Geschichte von Ahmed und seinem Nachleben der Weltöffentlichkeit zu erzählen. Khatib stimmt zu.

Gemeinsam mit den Filmemachern hat der Palästinenser, der als Intifada-Kämpfer selbst Jahre lang in israelischer Haft saß, die Empfänger der Organe seines Sohnes aufgesucht. Etwa den Beduinensohn Mohammed, der Ahmeds Niere bekommen hat, die Drusentochter Samah, in der Ahmeds Herz schlägt, und die Jüdin Menuha, Tochter einer orthodoxen Familie, die mit Ahmeds zweiter Niere ohne Dialyse leben darf.

"Meine Rache ist die Menschlichkeit", sagt Ismael Khatib. Tatsächlich hat der Palästinenser mit seiner friedlichen Geste mehr bewirkt als alle Krieger zusammen. Heute leitet Khatib in Jenin eine Begegnungsstätte für Jugendliche, finanziert durch Geld, das in Folge seiner beispiellosen Tat gespendet wurde. Weitere Einrichtungen wie diese sollen folgen. Damit die Kinder von der Straße kommen. Und damit sie lernen, Frieden zu spielen.

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