Ärzte Zeitung, 07.09.2009

Lebenshilfe für traumatisierte Kinder

In Halle an der Saale hat ein Team von Psychotherapeuten und Pädagogen ein Behandlungsprogramm für Kinder und Jugendliche mit Traumafolgeschäden ins Leben gerufen. In der Praxis stranden Kinder aus zerrütteten Familien, die häufig auch Opfer von Gewalt wurden.

Von Petra Zieler

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Das Therapeutenteam in Halle: Dr. Sabine Ahrens-Eipper, Katrin Nelius, Ulrike Potthast (oben v.l.n.r.) und Sybille Hennings.

Foto: zie

HALLE. Studien legen nahe, dass in Deutschland etwa 30 000 Kinder jeweils eines Geburtsjahrgangs in Hochrisikofamilien aufwachsen, in denen Vernachlässigung und/oder Misshandlung nicht selten sind. "Trauma First" - ein deutschlandweit einmaliges Projekt - will Kindern und Jugendlichen mit Traumafolgestörungen helfen.

Da ist Sven, der 18-Jährige, der von seinen Mitschülern zusammengeschlagen worden ist, einmal, zweimal, immer wieder. Julius (14) und Johann (12) ist Ähnliches widerfahren. Anna (10) ist von einem Fremden vergewaltigt worden. Aber da sind auch Jens, der gerade in die Schule gekommen ist, Marie (6) oder der vierjährige Tim, Kinder, die zu Hause durch die Hölle gegangen, misshandelt, vernachlässigt, verprügelt worden sind.

In Halle (Saale) praktizieren im Haus in der Händelstraße Dr. Sabine Ahrens-Eipper und ihre mittlerweile fünf Mitstreiterinnen - Psychologen, Sozialpädagogen, Psychotherapeuten. Doch diese Praxis unterscheidet sich von anderen, dort wurde das bundesweit erste Behandlungsprogramm für Kinder und Jugendliche mit Traumafolgeschäden nach sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt entwickelt.

KV und Techniker Kasse unterstützen das Projekt

Unterstützt wird das Projekt von der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse und der KV Sachsen-Anhalt. ",Trauma First‘ läuft seit gut einem Jahr. Wenn die KV nicht so engagiert wäre und die TK diese Patienten nicht so ernst nehmen würde, gäbe es unser Projekt nicht", so Praxisinhaberin Ahrens-Eipper, die mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden ist.

Mittlerweile haben die ersten Gruppen ihre Behandlung abgeschlossen. Die ängstlichen jungen Menschen von einst, die sich nicht trauten, andere Menschen anzusehen, denen es schwer fiel eine Unterhaltung zu führen, in deren Welt es kein Vertrauen gab, sind selbstbewusst geworden. Sie spielen, lachen, toben wie ihre Altersgefährten, sie haben Freunde, denen sie gern auch mal ein Geheimnis anvertrauen.

Kooperation mit Ärzten ist ein Teil des Projekts

"Es war ein steiniger Weg bis hierhin", so Katrin Nelius, die das Therapiekonzept gemeinsam mit Sabine Ahrens-Eipper entwickelt hat. Außer Einzel- und Gruppentherapie gehörten Hausbesuche, Gruppenarbeit mit Eltern, die enge Zusammenarbeit mit Kinderärzten und Sozialämtern zum Therapiekonzept. Die Kinder und Jugendlichen, die zunächst nur zögerlich erste Schritte auf sich selbst zugegangen sind, wurden mit der Zeit wagemutiger, fröhlicher, optimistischer. Einige von ihnen, die häusliche Gewalt ertragen mussten, leben heute in Pflegefamilien.

"Sie sind angekommen im Leben", sagt Sabine Ahrens-Eipper, die seit 1997 psychotherapeutisch tätig ist. Sie hat anfangs an einem Hamburger Therapieforschungsinstitut über das Thema Kinderängste gearbeitet, später an der Martin-Luther-Universität Halle. Seit 2006 arbeitet die 37-jährige Mutter zweier Kinder in eigener Niederlassung. "Schon als Zwölfjährige wollte ich Psychotherapeutin werden, anderen helfen, ihr Schicksal zu bewältigen.” Und dabei hatte die gebürtige Ludwighafenerin selbst eine "Gänseblümchen-Kindheit". Die Faszination für den Beruf ist geblieben.

Hinzu kam die stetige Entwicklung neuer Therapieansätze - vor allem für Kinder. "Die Psychotherapie von minderjährigen Traumapatienten", so Ahrens-Eipper, "steckt noch in den Kinderschuhen. Es gibt noch keine manualisierten Behandlungsansätze. Das wollen wir jetzt ändern."

Die Psychotherapeutin weiß, wie nicht aufgearbeitetes Leid in der Kindheit ein ganzes Leben beeinträchtigen oder gar zerstören kann. Betroffene leiden häufig unter Beziehungsstörungen. "Ich therapiere derzeit eine 65-jährige Dame, die noch immer die Folgen ihrer zerstörten Kindheit spürt."

Allein mit Traumafolgen fertig werden - das geht nicht

Weder hohe Intelligenz noch enorme Selbstdisziplin befähigen den Einzelnen, mit Traumafolgen allein fertig zu werden. "Wissen allein", so Sabine Ahrens-Eipper, "nutzt gar nichts. Auch ich müsste mir im Falle des Falles jemanden zu Hilfe nehmen."

Bei den Traumakindern setzt das multiprofessionelle Team in der Händelstraße auf eine fröhliche, lebenslustige Therapie. Dazu war die ganze Praxis im Vorjahr umgestaltet worden. Bunte Farben prägen heute das Bild.

Außer der Kletterwand lädt ein stattliches Holzschiff zu Abenteuerfahrten ein. Manchmal läuft es die Insel der Träume an, wo die bösen Träume für immer bleiben sollen. Manchmal erleben die Kinder auf See Abenteuer oder geraten in brenzlige Situationen. Dabei besinnen sie sich auf sich selbst und die Gemeinschaft, die sie braucht.

Sie lernen, dass das Leben viel mehr sein kann als Angst und Wut im Bauch, dass sie keine Opfer sind, sondern Menschen - mit eigenen Wünschen, Ideen, Plänen und Träumen.

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