Ärzte Zeitung, 09.10.2009

Kickbox-Star motiviert Kinder mit Diabetes

Anja Renfordt ist Diabetikerin, war mit ihrer Krankheit fünfmal Weltmeisterin im Kickboxen. Als frühere Leistungssportlerin hat sie eine Botschaft für Kinder mit Diabetes: Zieh dich nicht zurück, trau dir etwas zu, du kannst Sport treiben - und das macht Spaß!

Von Anne-Christin Gröger

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Kickbox-Schnupperstunde - das kommt bei Kindern gut an.

KÖLN. Anja Renfordt hat Biss. Sie ist zäh, ehrgeizig, und ein Leben ohne Sport kann sich die 28-Jährige trotz ihrer Krankheit - sie hat Diabetes Typ 1 - nicht vorstellen. Dass Diabetiker sich nicht zurückziehen und ihr Leben ganz der Spritze unterordnen müssen - das will sie auch anderen Betroffenen vermitteln.

Kampfsport ab dem zehnten Lebensjahr

Der Sport war immer das Wichtigste, obwohl der Diabetes schon bei ihr festgestellt wurde, als sie anderthalb Jahre alt war. Als Zehnjährige hat sie mit dem Kampfsport angefangen, damals in einer Tae-Kwan-Do-Gruppe in einem Nachbarort ihrer Heimatgemeinde Windebruch im Märkischen Kreis. "Diabetiker können unter gewissen Bedingungen genauso leistungsfähig sein wie gesunde Sportler", sagt sie. Ihre Eltern achteten darauf, dass sie regelmäßig spritzte, über die Jahre bekam sie verschiedene Insulintherapien. "Ich habe davon profitiert, dass es inzwischen so viele neue Behandlungsmöglichkeiten gibt", sagt Renfordt.

Der sportliche Erfolg kam erst im Lauf der Zeit. Die Sportlerin hat ihn sich hart erarbeitet. "Anfangs habe ich oft verloren", sagt sie. "Schlimm war es, wenn mich der Trainer aus dem Ring genommen hat, aus Angst, dass ich schwer verletzt werden könnte." Trotzdem haben sie ihre Eltern immer in den Aktivitäten unterstützt, die sie als Kind gerade verfolgte. "Ob Musikschule, Ballett, Reiten oder Kickboxen - meine Eltern haben mir nie aus Angst etwas verboten, was ich gerne machen wollte" erzählt die 28-Jährige.

1998 gewann sie erstmals eine deutsche Meisterschaft im Kickboxen und durfte auch international in den Ring steigen. "Da fing alles wieder von vorne an", sagt sie. "Ich war aufgeregt, hatte irgendwie ein Brett vor dem Kopf und verlor." 2002 gewann sie erstmals eine Europameisterschaft in Italien, dann ging es mit der Karriere steil bergauf. Für ihr übriges Privatleben blieb nicht viel Zeit. "Der Sport war ja meine Freizeit", sagt sie. Zu alledem gehören viel Energie und Ehrgeiz.

Und von beidem hat die junge Frau außerordentlich viel. Nach dem Abitur absolvierte sie neben dem Kickboxen drei Ausbildungen, zuerst zur Industriekauffrau. Die tägliche Arbeit am Computer fand Renfordt zu trocken und machte eine weitere Lehre zur Physiotherapeutin. Das ist der Job, in dem sie auch jetzt arbeitet. Zwischendurch machte sie noch eine Schulung als "Persönliche Trainerin", wollte Menschen beim Sport-Treiben betreuen.

Aus ihrer Krankheit hat sie nie eine Besonderheit gemacht. Und doch unterscheidet sich ihrer Meinung nach das Leben als Sportler mit Diabetes von dem eines gesunden Sportlers. "Man braucht viel mehr Disziplin", sagt sie. "Alles muss ganz genau organisiert werden, das Essen vor dem Training, das Spritzen." Wenn sie während des Trainings in Unterzucker kam, hat sie es sich nur selten erlaubt, aufzuhören.

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Bein hoch! Kinder mit Diabetes trainieren mit Anja Renfordt.

Foto: Gröger/Fromme

Die vielen Reisen zu den Wettkampfstätten musste sie aufgrund fehlender Sponsoren meist selbst finanzieren. Die Eltern haben ihr zwar unter die Arme gegriffen, aber um sich die Reisen nach Kanada, in die USA, nach Italien und Slowenien leisten zu können, musste Anja Renfordt vor allem an sich selbst sparen. "Statt mit Freunden in Urlaub an den Strand zu fahren, bin ich zu den Wettkämpfen gereist", erzählt sie. Partys nach den Siegen waren eher selten. "Ich hatte aber nie das Gefühl, etwas zu verpassen", sagt sie

Ihre Karriere als Kickboxerin hat Renfordt 2005 beendet. Sie arbeitet jetzt ganztags in einer Praxis für Physiotherapie in Lüdenscheid.

Durch einen Zeitungsartikel wurde ein Arzt auf sie aufmerksam und bat sie, in seiner Praxis vor Eltern einen Vortrag über den Diabetes und ihren Sport zu halten. So wurde sie in Fachkreisen bekannt. Seitdem besucht die Sportlerin in ihrer freien Zeit Krankenhäuser und Arztpraxen und betreibt offensiv Aufklärungsarbeit. Sie hält Vorträge über ihre Krankheit und den Leistungssport und ermutigt Eltern, deren Kinder Diabetes haben. Sie will ihnen durch ihre Geschichte die Angst nehmen, dass die Krankheit das Kind isolieren könnte.

"Ich habe keine Probleme, darüber zu reden"

"Ich habe keine Probleme, darüber zu reden", sagt sie. "Wenn ich jemandem mit meiner Geschichte helfen kann, umso besser." Renfordt will außerdem, dass Kinder Sport machen, auch wenn sie durch die regelmäßigen Messkontrollen und das Spritzen eingeschränkt sind. Und so bietet sie auch Schnupperstunden im Kickboxen an und sieht, dass die jungen Diabetiker mit Begeisterung dabei sind. "Ich merke, dass ich Eltern und Kindern helfen kann, indem ich ihnen meinen Lebensweg schildere", sagt sie.

Inzwischen hat sie eine neue Sportart gefunden, die ihr Spaß macht: das Radfahren. Sie fährt im Team 24-Stunden-Radrennen am Nürburgring. "Die Rennen sind sehr anstrengend, aber ich habe immer genügend Traubenzucker in der Tasche. Dann geht das", sagt sie.

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