Ärzte Zeitung, 14.09.2010

Gigantische Hospitalanlage im Untergrund

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges hat die deutsche Wehrmacht auf der Insel Jersey im Ärmelkanal eine gigantische Bunkeranlage mit Krankenhaus gebaut. Heute ist dort ein Museum.

Von Ulla Bettge

Gigantische Hospitalanlage im Untergrund

Die Anlage "Ho8" wurde von der Bunkeranlage zum Hospital.

© Ulla Bettge (2)

Wären den Briten ihre Kanalinseln im Zweiten Weltkrieg Verteidigung wert gewesen, hätten Jakob, Gustav und Adolf - so die deutschen Codenamen für Jersey, Guernsey und Alderney - am 30. Juni 1940 nicht so mühelos von Hitlers Truppen besetzt werden können. Als Teil des Atlantikwalls wurden sie bis einen Tag nach dem Kriegsende, nämlich bis 9. Mai 1945 zu Betonfestungen und Beobachtungsposten ausgebaut. 12 000 deutsche Soldaten besetzten zum Beispiel die Insel Jersey mit damals 40 000 Einwohnern. Die "Organisation Todt" (OT), eine militärisch organisierte Bautruppe, die vor allem für Bunkeranlagen in den von Deutschland besetzten Gebieten eingesetzt wurde, begann auf Hitlers Befehl im Oktober 1941 mit dem Ausbau eines riesigen unterirdischen Tunnelsystems, der so genannten "Hohlgangsanlage Acht" - kurz Ho8 -, dem späteren German Underground Hospital, als Schutz vor den Engländern, die dann doch nie kamen.

Gigantische Hospitalanlage im Untergrund

Heute ist die Anlage ein Museum.

Die Division 319 mit mehr als 12 000 Mann und ihrem gesamten Waffen- und Munitionslager sollte dort Schutz finden vor befürchteten Bombenangriffen der Alliierten.

Für die Ausschachtungsarbeiten -insgesamt wurden 43 000 Tonnen Gestein herausgesprengt und 6000 Tonnen Stahlbeton zum Tunnelausbau gemischt - schaffte die OT 6000 Zwangsarbeiter aus Spanien, Frankreich und Osteuropa auf die Insel.

Unter unmenschlichen Bedingungen mussten sie, schlimmer als Sklaven, zwölf Stunden täglich knechten "wie Ameisen in einer unterirdischen Hölle von Staub, Rauch und abstürzenden Felsen". Den als "Untermenschen" geächteten Kriegsgefangenen aus Russland und der Ukraine erging es dabei am schlechtesten. Viele von ihnen erkrankten oder starben infolge grausamer Unterernährung und Erschöpfung.

Ende 1943, als die bevorstehende Alliierten-Invasion von Europa bekannt wurde, bekam Ho8 ein neues Gesicht: Aus der bombensicheren Artillerieunterkunft wurde "The German Underground Hospital", das als Lazarett für zu erwartende kriegsverletzte Militärs dienen sollte. Mit Doppeldeckerbetten für 500 Patienten und ihr Pflegepersonal, mit fließendem heißen und kalten Wasser, komplett ausgestattetem OP und einer Apotheke. Kohlebefeuerte Boiler sorgten für Wärme, ausgeklügelte Belüftungs- und Drainagesysteme für Frischluft und Trockenheit in den unterirdischen und kilometerlangen Stollen. Bade- und Toilettenräume, eine Küche und Vorratslager für Nahrungsmittel und Medikamente komplettierten die gigantische Anlage - die nie zum Einsatz kam. Die befürchteten Alliierten-Anlandungen fanden schließlich nicht auf den Kanalinseln, sondern auf dem Kontinent statt.

Die deutschen Besatzer mussten die Insel verlassen, aber nicht wenige kehrten später wieder dorthin zurück, wo sie - Besatzer hin oder her - ihre Liebe fürs Leben gefunden hatten. Fünf Jahre vor Ort hatten eben auch eine emotionale Eigendynamik.

Die bautechnisch geniale Ho8 wurde für die Öffentlichkeit zugänglich und seit den 1960er Jahren als German Underground Hospital oder auch German War Tunnels zum Museum der deutschen Besetzung von Jersey. Mit Exponaten, Dokumenten und Sammlungen von Betroffenen und von bedrückender Aktualität. Gänsehaut garantiert.

Eine Plakette im Eingangsbereich lässt Ho8-Schicksale nur erahnen: "Unter solchen Bedingungen arbeiteten Männer aus vielen Nationen am Bau dieses Hospitals. Die, die es überlebten, werden es nie vergessen; jene, die nicht, werden nie vergessen werden."

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