Ärzte Zeitung, 19.10.2009

Mit einer Plastikpuppe Leben retten lernen

Ein Reanimationskurs soll Jugendliche an Herzdruckmassagen und die Notfallrettung heranführen.

Von Anne-Christin Gröger

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Mit Herzmassagen können auch Jugendliche helfen.

Foto: Gröger

KÖLN. Die Tasche ist flach und klein, kaum groß genug für ein DIN-A5-Schulheft. "Und damit sollen wir lernen, Menschen zu retten?", wundert sich eine Schülerin. Sie zieht eine zusammengefaltete Plastikpuppe daraus hervor. Die lässt sich aufblasen wie ein Wasserball und hat nur Gesicht und Oberkörper. Jetzt wird dem Mädchen klar, wie der Erste-Hilfe-Kurs funktionieren soll.

Reanimationsunterricht soll in die Schullehrpläne

Gemeinsam mit Schulkameraden aus 15 Klassen und Lehrern ist sie in das Kölner Veranstaltungszentrum Gürzenich gekommen. Dort organisiert der Deutsche Rat für Wiederbelebung (German Resuscitation Council, GRC) einen Reanimationskurs für Jugendliche zwischen zwölf und 14 Jahren. Die Gesellschaft will die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen allen Berufsgruppen fördern, die an der Notfallmedizin beteiligt sind. Mitglieder sind unter anderem der Arbeiter-Samariter-Bund, die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie und das Deutsche Rote Kreuz.

"Kinder sind ab dem Alter von elf oder zwölf Jahren durchaus in der Lage, eine Herzdruckmassage effektiv durchzuführen", sagt Dr. Jan Breckwoldt, Notfallmediziner an der Berliner Charité. Er fordert, den Reanimationsunterricht in die Lehrpläne an Schulen zu integrieren. "Kinder sollen so früh wie möglich lernen, einen Kreislaufstillstand zu erkennen, den Rettungsdienst zu alarmieren und den Patienten mit Herzdruckmassage wiederzubeleben", sagt er. Erst zum Führerschein damit zu beginnen, sei häufig zwecklos, bestätigt Dr. Burkhard Dirks, Erster Vorsitzender des GRC. "In dieser Situation sind junge Leute meistens nur an der Fahrerlaubnis, nicht aber an einem zusätzlichen Kurs interessiert."

Die Schüler lernen, worauf es beim Notruf ankommt

Eine Frau macht es den Jugendlichen per Video auf einem riesigen Bildschirm vor, wie es geht. Sie sollen prüfen, ob der auf dem Boden Liegende ansprechbar ist und ob er noch atmet. Wenn nicht, sollen sie mit der Herzmassage beginnen. Mindestens fünf Zentimeter tief sollen sie dabei drücken, und auf jeden Fall den Rettungsdienst anrufen. Um einen Notruf zu simulieren, liegt extra ein Handy aus Pappe in der Wiederbelebungstasche.

Die Schüler lernen, worauf es beim Telefonat ankommt. "Sagt, von wo aus ihr anruft und dass der Kranke vermutlich einen Kreislaufstillstand hat", sagt die Frau in dem Video. Ganz wichtig: Auf keinen Fall auflegen, damit die Leitstelle weitere Anweisungen geben kann.

Auch die Mund-zu-Mund-Beatmung sollen die Kinder üben. Da bricht lautes Gekicher im Saal aus. Auch einige "Iiieeh"-Rufe sind zu hören. "Wer sich ekelt, muss das nicht machen", sagt Breckwoldt. "Auch eine Herzdruckmassage allein hilft in jedem Fall mehr, als nur danebenzustehen und den Patienten sterben zu lassen." Die Schüler nicken. Und pusten dann doch alle mit Begeisterung Luft in den Mund ihrer Reanimationspuppe. In der Tasche ist auch das Video mit der Frau, die alles nochmal genau erklärt. Beides können die Schüler am Ende der Veranstaltung mit nach Hause nehmen. Jetzt können sie ihren Eltern und Geschwistern zeigen, wie das geht mit dem Leben retten.

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