Ärzte Zeitung, 27.10.2009

Der Doc von Madonna, Sting und Elton John

Seit 30 Jahren per Du mit den Showbiz-Größen: Der Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Frankfurt, Professor Leo Latasch, ist Backstage immer dabei. Auch sonst engagiert sich der umtriebige Notfallmediziner in vielen Projekten.

Von Pete Smith

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Notarzt, "Rockdoc" und Sozialdezernent der jüdischen Gemeinde: Bei Professor Leo Latasch ist immer viel "Action".

Foto: smi

Das Telefon klingelt. Zum dritten Mal in Folge. Professor Leo Latasch hebt ab. Er spricht ruhig. Ja, die Großschadensübung in Bad Homburg steht. Frankfurt folgt einen Tag später. Stimmt, nächste Woche muss er nach New Orleans zum Anästhesie-Kongress. Er legt auf. Das Display zeigt eine weitere Nummer an. Er wählt. Jetzt geht es um den großen Notfall-Kongress in Israel, Januar nächsten Jahres. Alle wollen da mit. 23 Kollegen haben sich bereits bei Delegationsführer Latasch angemeldet. Jetzt macht er den Deckel zu. Noch mehr geht nicht. Er ist ja Arzt, kein Reiseleiter. Oder doch?

Nun ja, ein bisschen schon. Kaum einer verfügt über solch gute Kontakte ins Heilige Land wie er. Da kann er Besucher auch in medizinische Einrichtungen einschleusen, zu denen sie normalerweise keinen Zutritt hätten. Trotzdem, irgendwann ist Schluss.

Professor Leo Latasch entschuldigt sich. Jetzt habe er Zeit für seinen Besucher. Das sagt er und sprüht geradezu vor Energie. Im Dezember, so verrät er, werde er 57. "Manche Leute treten dann kürzer", sagt er nüchtern, "bei mir tritt wohl das Gegenteil ein."

Der Arzt mit den sechs Nebenberufen

Im Hauptberuf ist der Mann mit dem grauen Haarschopf, dem Sechs-Tage-Bart und den hellen Augen Ärztlicher Leiter des Rettungsdiensts der Stadt Frankfurt am Main. Ein verantwortungsvoller Posten. Aber der füllt ihn nicht aus. Der Anästhesist und Notfallmediziner mit den Zusatzbezeichnungen Sportmedizin und Schmerztherapie ist darüber hinaus Koordinator eines Bundesforschungsprojekts zur elektronischen Triage bei Großschadensereignissen, Leitender Notarzt in der Frankfurter Flughafenklinik, Sozialdezernent der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, er behandelt Schmerzpatienten, betreut als Hochschullehrer zwei bis drei Doktoranden im Jahr, und gelegentlich arbeitet er noch immer als "Doc" für Madonna, Sting oder Bryan Adams.

Im Ernst: Der ranghöchste Notarzt der Mainmetropole ist seit 30 Jahren auf Du und Du mit den Pop- und Rockstars des Showbiz. Konzertveranstalter Marek Lieberberg, wie Latasch Mitglied der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, holte den Jungarzt Ende der 1970er Jahre ins Boot. Latasch hatte bis dato bei Lieberberg gejobbt, mal als Fahrer, mal als Beleuchter. Eines Tages gastierte Leo Sayer ("When I Need You") in Frankfurt. Der britische Sänger litt an einer Stimmbandentzündung. Lieberberg bat seinen Freund Latasch, ob er nicht mal nach ihm sehen könne. Der junge Arzt ließ sich nicht lang bitten, untersuchte den Star und attestierte ihm, dass er nur maximal zwei Songs durchhalten würde. Lieberberg trat vor das Publikum und warnte es vor, Sayer gab alles, aber nach anderthalb Liedern war Schluss. Leos Konzert war der Anfang für Leos Karriere als "Rockdoc".

Denn als solcher betreute der Frankfurter Notarzt in den folgenden drei Jahrzehnten Musiker wie die Bee Gees und die Eurythmics, wie Simply Red, Grateful Dead, Oasis, Bon Jovi, Elton John, Mark Knopfler, Al Jarreau, Harry Belafonte und Peter Maffay. Ob am Nürburgring ("Rock am Ring"), im Tempodrom, in der Festhalle oder einem Fußball-Stadion -Latasch war Back-Stage immer dabei.

Fotos mit Promis oder Tratsch gibt es nicht

In seinem Büro im fünften Stock des Amts für Gesundheit unweit der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil hängen fünf Rahmen mit Hunderten von VIP-Pässen. Fotos seiner prominenten Patienten gibt es keine. Ebenso wenig wie Geschichten aus dem Nähkästchen. Das fällt unter die ärztliche Schweigepflicht.

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VIP-Pässe aus 30 Jahren mit den Stars: Im Büro von Professor Leo Latasch hängen sie in fünf Rahmen.

Foto: smi

Nur so viel: Als Pink Floyd nach dem Fall der Mauer 1990 ihr legendäres Konzert "The Wall" aufführen wollten, waren mehrere Bandmitglieder erkrankt. Offenbar hatten sie sich während eines Konzerts in Venedig mit einem Virus infiziert. Am Freitag vor dem Berlin-Konzert rief der ehemalige Bodyguard von Annie Lennox, der inzwischen für Pink Floyd arbeitete, bei Latasch an und bat ihn, dringend rüberzujetten, um seine Schützlinge zu behandeln.

Eigentlich unmöglich, dachte Latasch, bekommt doch niemand so kurzfristig einen Flug nach Berlin. Was für Normalsterbliche gilt, wird für Pink Floyd außer Kraft gesetzt. Latasch flog, behandelte die Stars und kehrte noch am selben Tag nach Hause zurück.

"Ich brauche Action", sagt Leo Latasch, "ich könnte nie in einem Gentechnik-Labor arbeiten." "Action" bedeutet aber auch, dass der Arzt in den nächsten drei Monaten 30 Tage unterwegs sein wird. In Deutschland, Europa und in den USA. Das kann er nur leisten, weil er eine Frau hat, "die ihr Privatleben immer hinter meines gestellt hat", wie Latasch bekennt. 37 Jahre sind beide liiert, acht Jahre länger, als Latasch Arzt ist. Sie teilt sein Leben und unterstützt auch sein soziales Engagement. Daher gehört das Bundesverdienstkreuz, das Leo Latasch vor sieben Jahren verliehen wurde, genauso seiner Frau.

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