Ärzte Zeitung, 30.10.2009

Ein Lehrkrankenhaus sucht dringend Ärzte

In der Universitätsklinik von Toamasina, der zweitgrößten Stadt Madagaskars, fehlt es an vielem - hauptsächlich an modernen Geräten für die Diagnostik und den Mitteln, sie zu unterhalten, aber auch an Medikamenten und Hygieneartikeln. Ärzte werden dringend gesucht.

Von Stefan Käshammer

Ein Lehrkrankenhaus sucht dringend Ärzte

Für deutsche Betrachter eine andere Welt: Haupteingang des Centre Hospitalier Universitaire de Toamasina.

Foto: skh

Röntgen- und Ultraschallgeräte sind in Toamasina vorhanden, häufig von westlichen Ländern gespendet. Aber es gibt große Probleme bei der Wartung, so dass defekte Anlagen oft monatelang ungenutzt herumstehen.

Das "Centre Hospitalier Universitaire de Toamasina" (CHUT) ist nach deutschem Verständnis ein akademisches Lehrkrankenhaus, das zur medizinischen Fakultät der madagassischen Hauptstadt Antananarivo gehört. "Wir sind eines der größten Zentren des Landes, dennoch sind wir wegen Ärztemangel und fehlender Ressourcen auf internationale Hilfe angewiesen", sagt der Klinik-Direktor Dr. Kiki Ramanadraibe. Gerade bei Geräten etwa zur bildgebenden Diagnostik besteht die Ausstattung meist aus ausgemusterten Geräten, die von Kliniken in westlichen Ländern zur Verfügung gestellt werden. "Dadurch haben wir immerhin Zugang zu einer Grundausstattung etwa an Röntgen-, Ultraschall- und Laborgeräten", so Ramanadraibe, der sich in Europa und Japan zum Klinik-Manager weitergebildet hat. Schwer lösbare Probleme gebe es allerdings, sobald ein Gerät defekt ist, denn der in westlichen Ländern übliche Kundendienst wird von den Herstellern nicht auf den Empfänger übertragen, wenn der ursprüngliche Käufer das Gerät verschenkt. "Ist ein Gerät kaputt, so können wir es im günstigsten Fall selbst reparieren", berichtet Ramanadraibe. Häufig reiche dazu jedoch auch das gesammelte Know-How des Klinikums nicht aus. Die Folge: Geräte stehen monatelang defekt und ungenutzt herum.

Die radiologische Abteilung des CHUT etwa verfügt über zwei konventionelle Röntgen-Geräte, von denen das ältere bereits in den 1960er Jahren in Betrieb genommen wurde. Das modernere und leistungsfähigere ist seit neun Monaten defekt. Die nötigen Ersatzteile sind in Madagaskar nicht ohne weiteres verfügbar, zudem sind die Kosten dafür im Klinikbudget nicht vorgesehen. Computer- und Magnetresonanztomografen gibt es am CHUT nicht.

Ein weiteres Beispiel: Ein japanisches Medizin-Technik-Unternehmen hat dem Klinikum kürzlich zwei moderne Ultraschallgeräte mit Schallköpfen für abdominale, vaginale und auch pädiatrische Untersuchungen gespendet. Spezielle Schallköpfe für die transthorakale Echokardiografie fehlten jedoch in der Lieferung. Das Klinikum monierte dies und wartet seit mittlerweile sechs Monaten auf die Herz-Schallköpfe. Die Geräte stehen seither ungenutzt in einem leeren Raum der radiologischen Abteilung.

Ein Problem bei gynäkologischen Ultraschalluntersuchungen ist zudem das Fehlen von speziellen Präservativen, die während der transvaginalen Untersuchung über den Schallkopf gestülpt werden, wie der Allgemeinchirurg und Frauenarzt Dr. Max Ralemazava berichtet. Deshalb und weil madagassische Frauen häufig Vorbehalte gegen diese Art der Untersuchung haben, werden transvaginale Ultraschalluntersuchungen am Klinikum nicht vorgenommen. Das Resultat sind schwere Mängel in der Früherkennung von gynäkologischen Erkrankungen.

Genau wie die meisten anderen Fachärzte am CHUT war Ralemazava zunächst als Allgemeinmediziner und Allgemeinchirurg tätig und hat sich dann erst zum Gynäkologen und Geburtshelfer weitergebildet. "Die Kollegen fangen meist in kleinen Kliniken und Krankenstationen auf dem Land an", berichtet Ralemazava. Ein Facharzt in Madagaskar müsse die Lebensumstände der Patienten kennen, die dann wegen Komplikationen an ein Spezialzentrum wie das CHUT überwiesen werden.

Momentan ist Ralemazava zusammen mit nur einem weiteren Frauenarzt für die gesamte gynäkologische und geburtshilfliche Abteilung des CHUT zuständig. Denn eins hat das CHUT mit vielen deutschen Kliniken gemeinsam: Es mangelt an ärztlichem Nachwuchs. Viele junge Kollegen gehen auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen und mehr Gehalt ins Ausland.

24 Euro für die Gesundheitsversorgung pro Jahr

Bevölkerung: ca. 19 Millionen Menschen

Lebenserwartung: ca. 60 Jahre, 12 Prozent der lebendgeborenen Kinder sterben, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreichen.

Gesundheitsversorgung: Die Basisversorgung ist steuerfinanziert, für viele Untersuchungen, etwa per Ultraschall, werden jedoch zusätzlich Gebühren erhoben, die sich die meisten Patienten kaum leisten können. Im Jahr 2005 lagen die durchschnittlichen jährlichen Gesundheitsausgaben pro Einwohner bei umgerechnet 24 Euro. Statistisch ist ein Arzt für 3000 Einwohner zuständig (in Deutschland ist ein Arzt für etwa 270 Einwohner da).

HIV und AIDS: Die AIDS-Infektionsrate ist verglichen mit anderen afrikanischen Ländern gering, steigt jedoch seit Beginn der neunziger Jahre stark an.

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