Ärzte Zeitung, 09.12.2009

Seemänner lernen erste Hilfe für die große Fahrt

Kapitäne und nautische Offiziere müssen ihre medizinischen Kenntnisse alle fünf Jahre auffrischen, sonst verlieren sie ihr Patent. In Bremen werden entsprechende Kurse für die Seemänner angeboten. Im Notfall an Bord zählt jede Sekunde.

Von Christian Beneker

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Rettungssanitäter Jochen Bokemeyer erklärt Seemännern, wie man eine Infusion vorbereitet.

Foto: cben

BREMEN. Die "Chicago Express" ist 336 Meter lang und 42 Meter breit. Ein "Schachteldampfer", wie die Seeleute sagen, also ein Containerschiff, und zwar eines, das 8700 Standardcontainer transportieren kann, mehr als 100 000 Tonnen Ladung.

Landratten glauben, so einen Kahn wirft nichts um. Falsch. Als die "Chicago Express" mitten in der Taifun-Saison auf dem Hafen von Hongkong auslief, neigte sich der Container-Riese derart schnell und stark seitwärts, dass Kapitän und Wachoffizier durch die 20 Meter lange Brücke geschleudert wurden und sich schwer verletzten. Was jetzt?

Laut "Verordnung der Krankenfürsorge auf Kauffahrteischiffen" und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) müssen Kapitäne und nautische Offiziere ihre medizinischen Kenntnisse alle fünf Jahre auffrischen, andernfalls verlieren sie ihr Patent. Bei der "Gesellschaft für Angewandten Umweltschutz und Sicherheit im Seeverkehr mbH" (GAUSS) in Bremen können sie diesen Kurs absolvieren. Ein zweiter Grund ist die starke Verbindung zwischen den Reedereien und dem Stadtstaat. Hanseatischer Lloyd, Petro-Lloyd; Beluga oder Global Kreuzfahrt Service - Bremen ist einer der größten Standorte in Deutschland für Reedereien.

Demonstration am Plastik-Arm

Sieben Seeleute sitzen Rettungssanitäter Jochen Bokemeyer gegenüber, der die Schulung im Namen des Arbeiter Samariter Bundes anbietet. Normalerweise sitzt Bokemeyer als Rettungssanitäter "auf'm Heli" in Bremen, wie Kapitän Ute Hannemann von der GAUSS sagt. Jetzt hat er das Element gewechselt und erklärt Seeleuten den Umgang mit Infusionsbeutel und Nadel.

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Die "Chicago Express": Auf einem Container-Riesen kann es besonders in Häfen zu Unfällen kommen.

Foto: Hapag-Lloyd

Fläschchen mit Desinfektionsmittel stehen auf den Tischen, Plastik-Arme und -Hände zum Üben, Mullbinden, Infusionsbeutel und verpackte Nadeln. Das fünftägige Programm umfasst von "Wunden und Verbänden" über "Funkärztliche Beratung", Kleinchirurgie und "Elektrounfälle" ein breites Spektrum der medizinischen Erstversorgung. "An Bord geht es aber meistens um Kopfschmerzen, Übelkeit oder kleine Hautverletzungen", erklärt Kapitän Helmut Abeln. Trotzdem brauchen die Seeleute medizinisches Know-how für den Ernstfall.

Zum Beispiel Infusionen. "Wer hat schon mal so eine Infusion gelegt?" Zwei Seeleute melden sich. Bokemeyer erklärt, wie man eine Vene findet, wo man am besten "piekst", wie man sicherstellt, dass keine Luft im Schlauch ist, und wie man möglichst keine Arterie erwischt.

Die Männer sind monatelang auf "großer Fahrt" rund um den Globus. Aber viele Unfälle passieren in den Häfen. "Die Laschenleute sind gefährdet", sagen die Offiziere. Die "Laschenleute" sind sozusagen die "Stauer" des Containerschiffs. Sie Klettern auf den Riesenboxen herum und verzurren die Fracht. "Da rutscht schnell mal einer ab." Tatsächlich gilt die Seefahrt als besonders gefährlich.

"Die Versicherungen stufen Seeleute in ihrer Risikoskala gleich auf Platz zwei ein - hinter den Fischern", erklärt Horst Rensch. Zwar steht das Deckpersonal auf Frachtschiffen nicht in der Gefahr, vom niedergehenden Geschirr der Netze verletzt zu werden, gefährlich ist es an Bord trotzdem. Seeschläge oder gerissene Trossen der Riesenschiffe können Männer schwer verletzen oder gar töten. Mitunter reicht die Ausbildung der Offiziere dann nicht mehr.

Dann greifen sie zum Funkgerät und rufen den Telematical Maritime Assistance Service (TMAS) in Cuxhaven an. Diese funkärztliche Beratungsstelle für deutsche Seeleute auf den Weltmeeren ist rund um die Uhr von Ärzten besetzt.

Jede Pille wird einzeln gezählt

Medizin kann mitunter auch für Kapitäne zum bürokratischen Monster werden. "Mit jedem Flaggenwechsel bei einem Schiff bekommen wir auch eine neue Apotheke", sagt Abeln. "Und vor allem in den westafrikanischen Ländern zählen die Hafenmeister jede Pille einzeln, weil sie glauben, dass sie als Droge verkauft werden kann."

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