Ärzte Zeitung, 17.12.2009

Plötzliche Gewaltausbrüche - viele sind vorhersehbar

Wie lassen sich Gewaltausbrüche etwa bei der Arbeit verhindern? Mit Prävention kann man einiges erreichen.

Von Sabine Schiner

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Foto: Light Impression ©www.fotolia.de

Eine Familienrichterin, die in ihrem Büro erstochen wird, ein Amoklauf im Gerichtssaal, bei dem mehrere Menschen schwer verletzt werden. Solche Gewalttaten haben fast immer eine Vorgeschichte, aus der sich Warnsignale ableiten lassen, sagt Jens Hoffmann, Kriminalpsychologe an der TU Darmstadt. Er hat ein Präventionsprogramm entwickelt, dass an der TU bereits erfolgreich angewendet wird.

Die meisten Taten werden geplant

Der Kriminalpsychologe hat in einer Studie zusammen mit seiner Kollegin Claudia Dölitzsch die Ermittlungs- und Gerichtsakten von 20 Fällen von schwerer Gewalt - 21 Menschen sind dabei gestorben, zehn wurden zum Teil schwer verletzt - am Arbeitsplatz in Deutschland ausgewertet. "Wir waren überrascht, wie leicht es war, solche Fälle zu identifizieren. Sogar mehrere Amokläufe waren dabei", so Hoffmann.

Das Ergebnis der Analyse: Fast alle Taten waren geplant. Einige Täter erwarben im Vorfeld auf illegalem Wege eine Schusswaffe oder beobachteten die Opfer in ihrem privaten Umfeld. In 75 Prozent der Fälle wurden die Opfer gezielt ausgewählt - oder sie standen stellvertretend für eine Personengruppe, mit der die Täter in Konflikt standen. Ein besonderes Risiko haben sowohl Vorgesetzte privater Organisationen als auch Mitarbeiter von Behörden, Verwaltungen und Gerichten.

Ein Motiv sei oft, sich einmal "mächtig zu fühlen". Beispielsweise wurden vier arbeitslose Täter gewalttätig, nachdem ihnen durch das jeweilige Arbeits- oder Sozialamt finanzielle Kürzungen angedroht wurden. Zwei dieser Täter machten die Behördenmitarbeiter für ihre Situation verantwortlich und griffen sie an, die beiden anderen Täter suchten die Schuld für ihre Situation bei ihren ehemaligen Arbeitgebern, von denen sie vor Jahren entlassen worden waren, und rächten sich an ihnen.

Private und berufliche Krisen kommen zusammen

Häufig kommen vor einer Gewalttat mehrere private und berufliche Krisen zusammen. Viele Täter zeigen paranoide oder querulatorische Persönlichkeitszüge - und geraten deshalb immer wieder in Konflikt mit ihrer Umwelt. Meist, so Hoffmann, sprachen die Täter im Vorfeld über ihre Pläne oder drohten ganz unverhohlen mit Gewalt. Beispielsweise kündigte ein Mitarbeiter eines Handelskonzerns seinen späteren Amoklauf im eigenen Unternehmen gleich mehrfach seinen Kollegen an. "Allerdings nahm ihn niemand ernst und so wurde nichts unternommen."

Hoffmann berät seit Jahren Firmen, Behörden und Unternehmen, wie sie Gewalt verhindern können. Seiner Meinung nach steigt das Risiko von schweren Gewalttaten in Zeiten wirtschaftlicher Krisen. "Dies legen neue epidemiologische Studien nahe." Er rät Unternehmen, ein systematisches Bedrohungsmanagement einzurichten, um Warnsignale früh zu erkennen und gegenzusteuern. "Dadurch wird nicht nur Gewalt verhindert, sondern auch psychisches Leid und Arbeitsausfall, der durch Stalking und Drohungen entsteht." An der TU Darmstadt werden beispielsweise Deeskalationsschulungen angeboten und Betroffene können sich an die Konfliktberatungsstelle der Hochschule wenden.

Eine wichtige Rolle bei der Prävention können auch die Personalabteilungen von Unternehmen übernehmen: Bereits beim Einstellungsverfahren sollten, so Hoffmann, psychologische Erkenntnisse genutzt werden. Ein typisches Problemprofil ist für den Kriminalpsychologen etwa die Persönlichkeit des "Ungerechtigkeitssammlers", der sich durch ein übersteigertes Anspruchsdenken und das chronische Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, auszeichne.

Personalabteilungen sollten nach Meinung Hoffmanns zudem eine hausinterne Leitlinie zum Thema "Gewaltfreier Arbeitsplatz" herausgeben und offensiv signalisieren, dass sie, wenn es Probleme gibt, für alle Mitarbeiter zentraler Ansprechpartner ist und dass Drohungen und Erpressungen im Unternehmen nicht geduldet werden. Hoffmann: "Häufig werden aggressive Mitarbeiter an eine andere Stelle versetzt in der Hoffnung, dass deren Verhalten sich mit der Zeit ändert. Das ist in der Regel ein gefährlicher Irrtum."

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