Ärzte Zeitung, 08.01.2010

Jugendliche lernen Abspecken in der WG

"Fettsack" hänselten ihn die Mitschüler. Beim Rennen waren sie doppelt so schnell. Und dass er so viel aß, konnten sie gar nicht verstehen. Als Kevin in die Adipositas-Wohngruppe des Marburger St. Elisabeth-Vereins kam, brachte er knapp 100 Kilo auf die Waage.

Von Gesa Coordes

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Keiner soll mit Hunger vom Tisch aufstehen: Der 14-jährige Kevin beim Kochen mit Gruppenleiter Danny Hohl in der Adipositas-WG.

Foto: ©: Coordes

Seit neun Monaten wohnt Kevin in Hessens einziger für übergewichtige Jugendliche eingerichteten Wohngruppe im Marburger Hinterland. Als er dort einzog, bewegte er sich am liebsten gar nicht. Jetzt passt ihm keine seiner alten Hosen mehr. 15 Kilo hat der 14-Jährige abgenommen - ohne jede Diät.

Eröffnet wurde sie, weil auch beim St. Elisabeth-Verein immer mehr dicke Jugendliche in den Wohngruppen auftauchten. Nach neuen Untersuchungen sind etwa 15 Prozent der Heranwachsenden in Deutschland übergewichtig, erinnert Bereichsleiter Hans-Peter Bogner. Die Angebote seien indes vor allem auf Magersüchtige und Bulimie-Kranke ausgerichtet. In der Wohngruppe des Hauses Tanneck im Kurort Bad Endbach leben dagegen nur übergewichtige Jungen im Alter zwischen elf und 16 Jahren. Um sie umfassend zu betreuen, arbeitet der Jugendhilfeträger auch mit der auf adipöse Jugendliche spezialisierten Spessart-Klinik in Bad Orb zusammen.

Freilich setzt der Elisabeth-Verein, der bundesweit mehr als 700 Kinder betreut, nicht auf rasche Diäten. Die Jugendlichen, die aus schwierigen Elternhäusern kommen, bleiben im Schnitt zwei Jahre. Sie gehen auch in der Region zur Schule. "Es gibt bei uns eine ausgewogene, vielseitige, eher bürgerliche Kost", erklärt Gruppenleiter Danny Hohl. Keiner soll mit Hunger vom Tisch aufstehen.

"Es schmeckt gut", hat Kevin festgestellt. Zuhause gab es oft Mittagessen an der Pommesbude. Vater und Oma kochten lecker, aber fett. Und vor allem konnte der Junge sich beim Essen nicht stoppen. Er habe immer erst aufgehört, wenn er pappsatt war, erzählt der 14-Jährige: "Hier habe ich gelernt, damit umzugehen."

Auch in der Wohngruppe kocht er gern. Doch die Ernährungsexpertin achtet darauf, dass die Kost fettarm ist. Auf dem Speiseplan stehen zum Beispiel Minutensteaks mit Bohnengemüse, gefüllte Tortillas, Sauerkraut mit Rippchen und Nudeln mit Tomatensoße. Selbst Plätzchen haben die Jungs schon gebacken. Gefuttert werden sie allerdings nur gelegentlich oder beim gemütlichen Teetrinken am Wochenende.

Viele der Jugendlichen kennen kaum gemeinsame Mahlzeiten, erzählt Gruppenleiter Danny Hohl. Chips und Cola vor dem Fernseher gehörten zu ihrem Alltag. In Bad Endbach nehmen sich die Jugendlichen Zeit fürs Essen. Einmal in der Woche gibt es Ernährungstraining.

Kevins größte Versuchung ist das herzhafte deutsche Essen. "Ich versuche, nur eine Portion zu essen", sagt der 14-Jährige. "Verbote gibt es aber nicht", sagt Danny Hohl: "Wir schärfen nur die Wahrnehmung." Kevin hat vor allem durch Bewegung abgenommen. Als er nach Bad Endbach kam, konnte er weder Radfahren noch schwimmen. Jetzt radelt er fast täglich. Und Badminton hat er als Hobby entdeckt. In der Wohngruppe gibt es einen Fitnessraum. Fast täglich steht Sport auf dem Programm. "Die Kinder lernen, sich wieder gern zu bewegen", erklärt Bogner. Und Kevin freut sich, weil sein Bauch so viel kleiner geworden ist.

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