Ärzte Zeitung, 15.01.2010
Brüche, Verbrennungen, Kopfverletzungen: Ärzte in Haiti arbeiten rund um die Uhr
Die Kollegen von "Ärzte ohne Grenzen" versorgen in Haiti
derzeit viele hundert Patienten pro Tag. Übers Wochenende wurde
die Zahl der Helfer noch einmal erhöht. Gefragt ist vor allem
chirurgische Kompetenz.
Von Philipp Grätzel von Grätz

Verletzte
warten auf eine Behandlung auf dem Gelände der Hilfsorganisation
"Ärzte ohne Grenzen" in Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti.
© dpa
Am Freitagfrüh war es so weit: In Brüssel startete ein
Flugzeug von "Ärzte ohne Grenzen", das ein so genanntes
aufblasbares Krankenhaus an Bord hatte. Nach Ankunft in Haiti kann
diese Klinik binnen weniger Tage ihren Betrieb aufnehmen. "Diese
Einrichtung verfügt über zwei Operationssäle und
über einhundert Betten für stationäre Aufnahmen",
berichtete Claudia Evers, Sprecherin der Hilfsorganisation, im
Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".
Besonders Kenntnisse in Chirurgie werden gebraucht
Chirurgische Kompetenz ist das, was in Haiti derzeit am meisten
gebraucht wird. "Unsere Ärzte sehen vor allem Patienten mit
Knochenbrüchen, Abschürfungen und Kopfverletzungen", so
Evers. Weil in den zerstörten Stadtvierteln und Dörfern immer
wieder Feuer ausbrechen, sind auch Verbrennungen nicht selten. Dazu
kommen unzählige Menschen, die durch das Chaos der vergangenen
Tage so geschwächt sind, dass sie sich nicht mehr auf den Beinen
halten können. Während die geschwächten Menschen vor
allem in ambulanten Hilfseinrichtungen betreut werden, werden in dem
Krankenhaus von "Ärzte ohne Grenzen" schwerpunktmäßig
Unfallopfer versorgt. Dank der stationären Kapazitäten
können dabei auch Schwerverletzte betreut werden.
"Das aufblasbare Krankenhaus versetzt uns in die Lage, 24 Stunden am
Tag chirurgische Hilfe anbieten zu können", so Evers. Rund um die
Uhr arbeiten die Ärzte vor Ort freilich schon seit Tagen. Anders
als viele andere Hilfsorganisationen konnte "Ärzte ohne Grenzen"
mit der Notfallhilfe sofort begingen, weil die Organisation bereits vor
der Katastrophe in Haiti drei Krankenhäuser mit 31 internationalen
Ärzten und rund 800 nationalen Mitarbeitern betrieben hat. Zwar
wurden diese Krankenhäuser durch das Erdbeben komplett
zerstört. Die 31 internationalen Ärzte haben die Katastrophe
aber ausnahmslos überlebt. Und auch mit den meisten der 800
nationalen Mitarbeiter sei es mittlerweile gelungen, Kontakt
aufzunehmen, so Evers.
Die Patienten, die zum Zeitpunkt der Katastrophe in den drei
Kliniken der Organisation in Behandlung waren, konnten mittlerweile
evakuiert werden. "Sie sind in Zelten untergebracht und werden von
unseren Mitarbeitern versorgt", so Evers.
Dass die Kollegen sofort vor Ort waren, war für viele
Erdbebenopfer ein Segen: Allein in den ersten beiden Tagen nach dem
Erdbeben wurden durch das Team von "Ärzte ohne Grenzen" über
1500 Patienten behandelt. Und die Kapazitäten werden noch weiter
aufgestockt: Am Freitagnachmittag kam die Nachricht, dass 18 weitere
internationale Ärzte nach der Landung in Santo Domingo in der
Dominikanischen Republik das Katastrophengebiet in Haiti auf dem
Landweg erreicht hätten. Damit hat "Ärzte ohne Grenzen" jetzt
49 internationale Ärzte vor Ort. Die Organisation wird die Zahl
seiner internationalen Ärzte auf 70 aufstocken.
Schon vor der Katastrophe wurden Vorräte angelegt
Dass die Versorgung mit Medikamenten im Katastrophengebiet
zusammengebrochen sei, wie in einigen Medien berichtet wurde, kann
"Ärzte ohne Grenzen" zumindest für die eigenen Einrichtungen
derzeit nicht bestätigen. Auch hier zahlt sich aus, dass die
Organisation schon vor Ort war: "Wir hatten relativ umfangreiche
Notfallvorräte an Medikamenten und auch an medizinischen
Materialien angelegt, die jetzt gute Dienste leisten. Nachdem die
Hilfslieferungen mittlerweile ankommen, sehen wir hier im Moment nicht
das entscheidende Problem", so Evers.
Eine der kritischen Fragen der nächsten Tage dürfte sein,
ob es gelingt, zu verhindern, dass Seuchen ausbrechen. "Diese Gefahr
besteht nach solchen Katastrophen immer", so Evers. Bis zum Wochenende
hatten sich die Befürchtungen jedoch noch nicht bewahrheitet. Ganz
enorm ist die Spendenbereitschaft der internationalen Gemeinschaft.
"Vor allem in den USA werden erhebliche Summen gespendet", so Evers.
Das Spendenaufkommen sei mittlerweile so hoch, dass nicht mehr
garantiert werden könne, dass eingehende Gelder wirklich nach
Haiti fließen. Trotzdem bleiben die Spendenaufrufe gültig,
weil das Engagement der Hilfsorganisationen in Haiti über die
akute Krise weit hinausreichen wird.
Lesen Sie dazu auch:
Kampf ums nackte Leben in Haiti - es riecht nach Verwesung

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