Ärzte Zeitung, 05.02.2010

Eine Mutter überlebt - und verliert vier Kinder

Mit einem fünfköpfigen Krisenhilfsteam hat der Chirurg Dr. Eckehart Wolff Erdbebenopfern in Haiti geholfen. Die "Ärzte Zeitung" veröffentlicht heuten den letzten Teil einer Serie mit Auszügen aus seinem Tagebuch.

Von Dr. Eckehart Wolff

Eine Mutter überlebt - und verliert vier Kinder

Einsatz im Op - das Krisenteam ist oft bis Mitternacht im Einsatz. ©Deutsche Missionsgemeinschaft

22. Januar

Eine Woche Arbeit in Haiti. Immer wieder kleine Nachbeben. Wieder einige Tote, die bei brüchigen Mauern und kleinen Erschütterungen umkamen. Heute waren wir schon um 17.00 Uhr mit dem OP-Programm fertig. Die anderen Ärzte und Schwestern machen noch Verbände und behandeln die neuen und ambulanten Patienten. Wir sind fast durch mit den wichtigsten Operationen. Morgen sollen endlich Platten und Schrauben ankommen. Ich hoffe, es kommt nicht wieder soviel unbrauchbares Zeug wie die letzten Male. Wenigstens haben wir nun Gips für die nächsten zwei bis drei Tage.

Eine Mutter überlebt - und verliert vier Kinder

Haiti-Tagebuch eines Arztes
Eckehart Wolff

Das Team ist in bester Stimmung. Wir haben auch Patienten verloren, einen durch vermutliche Lungen-Fettembolie, einen durch fehlende Blutkonserven, zwei durch Nierenversagen nach Muskelquetschungen und drei Hirnblutungen. Das ist viel, aber unter diesen Umständen nicht anders zu machen.

23. Januar

Es ist wie Weihnachten. Gestern kam eine kleine Lastwagenladung mit Nachschub, aber die Platten waren nicht dabei. Dafür hat sie aber jemand heute Nacht gebracht und wir haben sie gleich um 6.00 Uhr ausgepackt: Viele Instrumente für ganz spezielle Eingriffe, alles vom Feinsten, aber wenige Platten für Osteosynthese.

Aber wir konnten wenigstens loslegen. Heute kamen 13 neue Patienten aus der Stadt, die die Nachricht gehört hatten. Sie kamen mit Taxi, Bus und auf LKW die Holperstraße zu uns herauf und das mit Ober- und Unterschenkelfrakturen und ohne Gips.

Einige von ihnen haben wir heute sofort operiert. Die leuchtenden, dankbaren Augen und das von Herzen kommende "Merci" waren Lohn für die Anstrengung. Spannung haben wir aber im Hospital gehabt. Die aus der "Unterstadt" sind hier nicht so gut angesehen und Patienten, die seit Tagen auf die Operation warten weil ihr Blutdruck immer noch über 200 ist, sind offensichtlich sauer, weil die Neuankömmlinge ihnen zuvorkommen. Und man merkt das sofort. Die Menschen hier reagieren höchst emotional. Der Patientenstrom reißt nicht ab.

24. Januar

An jedem Tag kommen etwa 15 neue Patienten, die meisten mit Oberschenkelfrakturen. Und sie erzählen Schauergeschichten wie die 24-jährige Frau, die ganz verstört kam. Sie erzählte dann, dass sie seit Tagen kaum etwas zu essen bekommen hatte. Als das Erdbeben geschah, war sie im dritten Stock ihres Hauses und sie erlebte nacheinander, wie der dritte Stock auf den zweiten und den ersten aufschlug und unter ihr die ganze sechsköpfige Familie begrub, darunter ihre vier Kinder. Sie ist die einzige Überlebende. Wir merken inzwischen, dass die Batterien so langsam leerer werden. Wir wollen keinen Abend mehr bis Mitternacht im Hospital sein. Die Not darf nicht alleine unseren Arbeitsalltag bestimmen. Und doch läuft es jetzt wie am Schnürchen. Heute haben wir neben anderen Verletzungen fünf Oberschenkel mit Platten versorgt.

Der Einsatz ist vorbei. Wir sitzen in einer Turbopropmaschine auf dem Weg nach Fort Lauderdale in Florida.

Resümee: Haiti ist ein bitter armes Land und wird über Jahre weitere Hilfe brauchen. Viele Schulen sind öffentliche Gebäude, die wegen Baumängel (Korruption beim Bau) eingestürzt sind. Es scheint überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche getroffen zu haben.

Es besteht wenig Interesse an Hygiene. Jeder wirft seinen Dreck auf die Straße oder in den Fluss, der vielen als Trinkwasserquelle dient. In Kürze werden Seuchen ausbrechen. Wir haben schon Typhuspatienten behandelt.

Haiti erhält seit vielen Jahren Hilfe von außen. Das Erdbeben wird diese Abhängigkeit nur noch verstärken. Wir vom Desasterteam unserer Mission sind jedenfalls am Überlegen, ob wir nicht in etwa 6 - 12 Wochen nochmals für circa 14 Tage zurück kommen können, um zu helfen, wenn alle anderen gegangen sind und die Folgen noch lange nicht verheilt sind.

Wir haben als Teil eines Teams von Samaritan's Purse (S.P.) gearbeitet. Das nächste Erdbeben, die nächste Flutwelle kommt bestimmt.

Zur Person

Dr. Eckehart Wolff ist als Arzt in einem Partnerwerk der Deutschen Missionsgemeinschaft in einer Klinik in Ecuador tätig. Dort hat der Chirurg in den vergangenen Jahren geholfen, ein medizinisches Krisenhilfsteam aufzubauen, das jetzt mit fünf Personen in Haiti im Einsatz ist und vorher bereits in anderen Krisenregionen gearbeitet hat. Wolff ist verheiratet mit einer Ärztin und hat fünf Kinder.

Spendenadresse: Stiftung der Dt. Missionsgemeinschaft, Volksbank Kraichgau, BLZ 672 919 00, Kto: 111 111 6, Hinweis: Für Arbeit Dr. Wolff.

Haiti-Tagebuch eines Arztes
Folge 3: Eine Mutter überlebt - und verliert vier Kinder
Folge 2: Ärzte in Haiti: "Wir spüren große Dankbarkeit"
Folge 1: Haiti: "Ich bin gerettet, ruft das kleine Mädchen, ich bin gerettet"

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