Ärzte Zeitung, 11.03.2010

Sprechen, wo Sprache eigentlich versagt - wie das Gewaltopfer Oetker wieder ins Leben fand

Wie gehen Opfer von Gewalt mit ihren traumatischen Erfahrungen um? Vor fast 35 Jahren wurde der Industriellensohn Richard Oetker gekidnappt -  und überlebte nur knapp. Seine Strategie: Sprechen über das eigene Leid.

Von Heidi Niemann

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In dieser 1,45 Meter langen Holzkiste wurde Oetker gefangen gehalten. © dpa

Es war einer der spektakulärsten Entführungsfälle der Bundesrepublik: Am 14. Dezember 1976 bedroht ein maskierter Mann den Studenten Richard Oetker auf einem Parkplatz in München mit einer Pistole. Der 1,94 Meter große Industriellensohn muss sich in eine nur 1,45 Meter lange und 70 Zentimeter breite Holzkiste zwängen. Die Kiste, in der er gefesselt und in gekrümmter Haltung ausharren muss, ist mit einem Gerät verbunden, das bei lauten Geräuschen Stromschläge produziert. Einmal wird dieser Mechanismus ausgelöst.

Als Reaktion auf die Stromstöße bricht sich der Gefesselte zwei Brustwirbel und beide Hüften. Nachdem sein Vater ein Lösegeld von 21 Millionen Mark gezahlt hat, kommt er frei. Oetker spricht erst seit wenigen Jahren öffentlich über seine traumatischen Erlebnisse. "Ich habe gelernt, dass Menschen sehr viel mehr aushalten, als wir glauben", sagte er bei einem Vortrag an der Universität Göttingen.

Der 59-Jährige sprach dort zum Auftakt der Jahrestagung der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT), die sich mit den langfristigen Folgen traumatischer Erfahrungen beschäftigt. Oetker selbst hat keine psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen. Verdrängt hat er seine Erlebnisse auch nicht, im Gegenteil: Gleich nach seiner Freilassung spulte er gegenüber Polizisten, die ihn in einem Waldstück fanden, seine Geschichte ab. "Der ermittelnde Beamte konnte gar nicht so schnell mitschreiben."

Oetker versuchte während seiner Entführung, sich so viele Details wie möglich einzuprägen. "Ich habe mich in dieser Stressphase darauf konzentriert, möglichst viel aufzunehmen, das hat mich abgelenkt." Anders als die Sekundäropfer, also die um ihn bangenden Familienmitglieder und Freunde, sei er durch diese Konzentration auf die Fakten nie in eine Phase gekommen, in der er phantasiert hätte. Dies habe ihm die Verarbeitung erleichtert.

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Entführungsopfer Richard Oetker. © pid

Selbst dem schrecklichen Erlebnis, als ein Stromstoß seinen Körper zum Vibrieren brachte und er vor Schmerzen und Todesangst schrie, kann er noch etwas Positives abgewinnen. Der Stromschlag, der ihn fast umgebracht hätte, habe ihm das Leben gerettet, sagte Oetker. Wegen seiner starken Schmerzen habe er seinen Entführer gebeten, die Lösegeldübergabe vorzuziehen. Hätte er einen Tag länger gekrümmt in der Kiste gelegen, wäre die Lunge so stark geschädigt gewesen, dass er erstickt wäre. Nach seiner Freilassung schwebte er mehrere Tage lang in Lebensgefahr. Wegen seiner schweren Verletzungen konnte er vier Jahre lang ausschließlich mit Krücken gehen, 20 Jahre lang musste er immer wieder operiert werden, bis heute ist er schwer gehbehindert. Trotzdem stand Oetker eine Stunde am Rednerpult. "Ich habe Glück im Unglück gehabt", sagt er.

Bei der Bewältigung seiner Erlebnisse halfen ihm die vielen Gespräche mit den Ermittlern der Polizei, die ihn monatelang wieder und wieder befragten. Er habe alles mitgemacht, weil er wollte, "dass die Richtigen verhaftet werden."Zwei Jahre nach der Entführung wurde Dieter Zlof gefasst und nach einem Indizienprozess zu 15 Jahren Haft verurteilt. Damals hätten ihm einige Medien vorgeworfen, einen Unschuldigen ins Gefängnis gebracht zu haben, sagte Oetker. Sie irrten: 1997 wurde Zlof erneut verhaftet, als er in London den Rest des Lösegeldes "waschen" wollte. Dies sei eine große Erleichterung gewesen, sagte der 59-Jährige.

Oetker ist kurz nach seiner Entführung dem Verein "Weißer Ring" beigetreten, der sich für Opfer von Verbrechen einsetzt. Dieses Engagement ist ihm sehr wichtig. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie einsam Opfer oft sind. "Wir können mit anderen schlecht umgehen, die Schicksalsschläge erleiden müssen." Selbst einige Familienmitglieder könnten bis heute nicht mit ihm über die Entführung sprechen. Dies sei jedoch der falsche Weg. "Man sollte versuchen herauszufinden, ob einer über das Erlebte sprechen will oder nicht. Ich glaube, das kann man sehr schnell erkennen."

Gewaltopfer - ein Jahr nach Winnenden

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