Ärzte Zeitung, 06.05.2010

Von der Hochleistungsathletin zur Ärztin

Sportbegeisterten ist Ilke Wyludda gut bekannt. 1996 holte sie olympisches Gold im Diskuswurf, zweimal war sie Vize-Weltmeisterin und Europameisterin. Jetzt beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt als Ärztin in Halle.

Von Petra Zieler

HALLE. Den weißen Arztkittel trägt Ilke Wyludda bereits. Ihr praktisches Jahr absolviert sie derzeit in den BG-Kliniken "Bergmannstrost" in Halle an der Saale. "Ich leiste Stationsarbeit, nehme Blut ab, lege Flexülen, führe Patientengespräche und assistiere im OP-Saal", umschreibt die 41-jährige ehemalige Sportlerin ihre Arbeit. 41 Jahre alt und dann noch Studentin?

Von der Hochleistungsathletin zur Ärztin

Diskuswerferin Ilke Wyludda bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. Demnächst wird sie Ärztin: Im November legt sie das Staatsexamen ab. © dpa

Einmal Ärztin zu werden war ein Kindheitstraum von ihr - dann kam bis 2002 der Leistungssport "dazwischen". Schon während ihrer sportlichen Karriere versuchte sie, sich auf das Leben danach vorzubereiten. Sie studierte an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHFK) in Leipzig Sportwissenschaften und schloss mit einem Diplom als Lehrerin für Leistungssport ab. Später belegte sie in Halle einen Aufbaustudiengang Rehabilitation/Prävention/Therapie. Danach absolvierte sie eine Physiotherapie-Ausbildung. Ihre Praxis gründete sie 1997 und beschäftigt dort mehrere Mitarbeiterinnen. Doch ihr Kindheitstraum ließ sie nicht los - auch wenn sie nun deutlich älter ist als ihre Mitstudenten. "In der Physiotherapie stößt man unweigerlich an Grenzen, die ein Arzt überwinden kann. Diese Lücke wollte ich schließen", sagt sie. Sie will sich mit einer Facharztausbildung in der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin besonders der Schmerztherapie widmen. Das liegt auch an ihren eigenen schmerzhaften Erfahrungen. Der Leistungssport hinterließ seine Spuren. Schon während ihrer aktiven Zeit war sie sehr verletzungsanfällig, hatte immer wieder Probleme mit den Gelenken und der Achillessehne. In den vergangenen Jahren musste sie mehrmals am Knie und Unterschenkel operiert werden, leidet oft an Schmerzen. "Aber ich lebe damit. Diese gesundheitlichen Probleme sind ebenfalls Bestandteil von mir."

Als spätere Ärztin auf diesem Gebiet weiß sie dann aber, worüber sie spricht. "Man kann ganz anders mit Erkrankungen und Verletzungen der Patienten umgehen, wenn man selber gelitten hat", sagt sie. Darüber hinaus gibt es ein enges Verhältnis zwischen Physio- und Schmerztherapie. "Ich habe schon sehr lange als Physiotherapeutin Erfahrungen mit Schmerzpatienten", berichtet Wyludda.

Ihren derzeitigen Arbeitsplatz, die BG-Kliniken "Bergmannstrost" in Halle, lernte sie schon als Sportlerin kennen. "Als Hallenserin lag es nahe, mich für das praktische Jahr aber auch für meinen Einstieg als Ärztin hier zu bewerben", so Ilke Wyludda.

Viele Sportler denken wenig darüber nach, was wird, wenn sie die Karriere an den Nagel hängen, sagt sie. Sie habe aber mit dem Sport 2002 auch einen Lebensabschnitt beendet - nicht weniger, aber auch nicht mehr. Als Diskuswerferin hat sie fast alles erreicht: 1996 Olympiasiegerin in Atlanta, zweimal Vizeweltmeisterin, zweimal Europameisterin, mehrfache Deutsche- und DDR-Meisterin. Sie hält weiterhin den Juniorenweltrekord. Bei 74,56 Meter landete ihr weitester Wurf - damit wäre sie heute noch sehr gut im Rennen.

Natürlich muss Ilke Wyludda auch Fragen zum Doping damals in der DDR und im heutigen Wettkampfgeschehen beantworten. "Ich kann von mir behaupten, dass ich einen sauberen Sport ausübte. Aber Doping wird es solange geben, wie es immer noch weiter, höher und schneller gehen soll. Natürlich bin auch ich für gründliche Dopingkontrollen, habe davon genügend selbst hinter mir", sagt sie.

Trainerin wollte sie werden, das entsprechende Diplom in der Tasche reichte ihr aber für ihre berufliche Zukunft nicht aus. "Vielleicht ist es ein anderes Anspruchsdenken", sagt die angehende Ärztin. "Ich habe früher für und mit dem Sport gelebt. In der heutigen Gesellschaft gibt es zu viel Ablenkung für die Sportler. Außerdem sind die Strukturen wenig erfolgversprechend. Ohne Zentrenbildung werden viele Talente es nicht schaffen, nach oben zu kommen."

Dennoch ist Ilke Wyludda dem Sport ein bisschen treu geblieben. Sie betreibt Rollstuhlbasketball, "wegen den geplagten Knien". Außerdem ist sie aktiv im Vorstand der Leichtathletikfreunde in Halle.

Doch zur Zeit ist ihre Freizeit "sehr übersichtlich", wie sie sagt. Denn in den nächsten Monaten steht das Staatsexamen im Fokus.

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