Ärzte Zeitung, 20.07.2010

Die unheimliche Welt der Parasiten

In menschlichen Augen sind Parasiten Tiere, die für die Natur nur einen negativen Nutzen haben. Aber wie leben Parasiten eigentlich? Eine Ausstellung in Berlin zeigt beeindruckende Bilder - ist allerdings nichts für einen schwachen Magen.

Von Ina Harloff

Die unheimliche Welt der Parasiten

Der parasitische Krebs Cymothoa exigua lebt wie ein Alien im Maul seines Wirtes.

© Museum für Naturkunde Berlin

BERLIN. Appetitlich ist sie nicht, die Wanderausstellung "Parasites, life undercover". Dafür sorgen eindrucksvolle Bilder und Geschichten: zum Beispiel von Mücken, die mit ihrem Stich Würmer übertragen, die menschliche Beine bis zur Unkenntlichkeit verformen und aufquellen lassen. Oder von dem parasitischen Krebs Cymothoa exigua (siehe Foto), der wie ein Alien im Maul seines Fisch-Wirtes lebt. "Da gibt es aber noch weitaus schlimmere Szenarien", sagt die Biologin und Kuratorin der Ausstellung, Dr. Brigitte Bannert. Die Ausstellungsbilder seien da noch harmlos.

Vielleicht nichts für schwache Mägen - unglaublich spannend und interessant ist die Ausstellung allemal. "In der Parasitologie spielen sich Dinge ab, die könnten direkt im Drehbuch für einen Agententhriller stehen", findet Bannert. Genau das will die Ausstellung auch fokussieren - das "life undercover" der Parasiten.

Der Cymothoa exigua (Bannert nennt ihn Zungenkrebs) ist ein Beispiel. Verbreitet ist er vor allem im östlichen Pazifik. "Der hat eine tolle Anpassungsstrategie entwickelt", sagt die Biologin und erklärt: Über Kiemen wandere der Parasit in die Mundhöhle meistens mittelgroßer bis großer Fische ein und setze sich dort auf dem Zungengrund fest, wo die Zunge die stärkste Blutzufuhr hat. Die Zunge verkümmere, der Fisch könnte also jetzt normalerweise nicht mehr fressen und müsste sterben. "Es liegt aber nicht im Interesse eines Parasiten, seinen Wirt schnell zu töten", so Bannert. Der Zungenkrebs ersetze darum funktional die Zunge des Fisches.

Und noch etwas Faszinierendes gibt es an diesem Parasiten: Er kommt als Männchen in das Maul des Fisches. Ist er dort genug gediehen, wandelt er sich in ein Weibchen um und wartet auf den nächsten männlichen Artgenossen. So pflanzt er sich fort. Der Nachwuchs sucht sich dann ein anderes Fischmaul.

Parasiten seien jedoch nicht nur extrem anpassungsfähig, erklärt Bannert. Sie könnten auch unheimlich gut manipulieren. Manchmal könnten sie ihren Wirt sogar dazu zwingen, Dinge zu tun, die ihn dem Tod näher bringen beziehungsweise ihn tatsächlich töten. So die Larven eines Saugwurmes, die sich als "Fühlermade" in den Fühlern der nachtaktiven Schnecke festsetzen und diese dazu bringen, am helllichten Tag so lange auf einer Blattoberseite herumzukriechen, bis sie endlich von einem Vogel entdeckt und im schlimmsten Fall von ihm gefressen wird. Auf diese Weise gelangen die Larven über einen sogenannten Zwischenwirt in ihren eigentlichen Wirt.

"Das sind natürlich Szenarien, die für den betroffenen Wirt weniger schön sind", sagt Bannert. Dennoch sei es nicht die Lösung, Parasiten auszurotten. "Wir tendieren dazu, immer nur vom Individuum auszugehen. Aber wir müssen das ökologische und biologische Ganze im Auge behalten. Auch Parasiten haben ihre Rolle in der Natur", so die Biologin. So gewinne ein Wirt ja auch an Stärke, wenn er sich gegen Parasiten wehrt. Darum sei auch übertriebene Hygiene eher kontraproduktiv.

"Das heißt aber nicht, dass man sich unnötig der Gefahr aussetzen muss", betont Bannert. Wer zum Beispiel nach Indien reise, sollte sich doch lieber ein Hotelzimmer nehmen. Auch sollten es Tierliebhaber vermeiden, streunende Hunde aus dem Mittelmeerraum nach Europa zu bringen. Diese seien nämlich das Hauptreservoir für Leishmanien, einzellige Blutparasiten. Sandmücken, die sich bei den Hunden infizieren, können die Infektionskrankheit Leishmaniose auf Menschen übertragen. "Wenn sich diese Krankheit hier erst einmal etabliert hat, werden wir sie nie wieder los", warnt Bannert.

Ausstellung bis zum 25. Juli im Museum für Naturkunde Berlin, Invalidenstrasse 43.
Ab Oktober 2010 in Leverkusen.

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