Ärzte Zeitung, 18.08.2010

Hintergrund

Pakistan: Mobile Ärzte-Teams helfen in entlegenen Regionen

"Für die Menschen in Pakistan geht es ums nackte Überleben", sagt der Berliner Arzt Dr. Tankred Stöbe, der seit knapp einer Woche im Katastrophengebiet Nothilfe leistet. Dort bringt er eine Klinik wieder in Schuss.

Von Pete Smith

Pakistan: Mobile Ärzte-Teams helfen in entlegenen Regionen

Flüchtlinge in einem Camp in Pakistan erhalten Medikamente.

© dpa

Dr. Tankred Stöbe, Präsident der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, ist inzwischen in Punjab angekommen, wo er mit drei seiner Kollegen - einem Arzt und zwei Logistikern - das vom Hochwasser überflutete Distrikt-Krankenhaus wieder in Schuss bringt. "Wie viele andere Gesundheitseinrichtungen auch war das Krankenhaus völlig verschlammt und nicht mehr nutzbar", erzählt Stöbe im Telefon-Interview mit der "Ärzte Zeitung". "Wir sind dabei, hier eine Durchfall-Station einzurichten. Unsere größte Sorge gilt der Cholera. Wir haben einige Verdachtsfälle, aber noch keine Bestätigung."

Priorität hat die Versorgung mit "Überlebens-Kits"

Für Ärzte ohne Grenzen sind in Pakistan derzeit 1300 Mitarbeiter, 100 internationale und 1200 einheimische Helfer, im Einsatz. "Wir konzentrieren uns im Moment darauf, die Menschen mit Überlebens-Kits zu versorgen", so Stöbe, "mit Decken, Kochgeschirr, Planen und Moskitonetzen. Darüber hinaus stellen wir in großem Maße frisches Wasser zur Verfügung."

Ärzte ohne Grenzen in Pakistan: Mobile Teams helfen Patienten in entlegenen Regionen

"Die Gefahr eines Cholera-Ausbruchs ist sehr hoch." (Dr. Tankred Stöbe, Deutsche Sektion Ärzte ohne Grenzen)

© Ärzte ohne Grenzen

Stöbe hat das Ausmaß der Flutkatastrophe hautnah erfahren. "Entlang der Flüsse sind ganze Dörfer weggeschwemmt, Felder vernichtet worden. Die Menschen dort sind ihrer Existenz beraubt. Manche Regionen sind überhaupt nicht mehr zugänglich, weil Brücken und Straßen zerstört sind. Wie es den dort lebenden Menschen geht, wissen wir nicht. In kleinen mobilen Teams schwärmen wir in entlegene Regionen aus, um Patienten zu behandeln, die es aus eigener Anstrengung nicht schaffen, in ein Krankenhaus zu kommen."

Im Distriktkrankenhaus von Punjab mussten Stöbe und seine Kollegen zunächst alle Räume begehbar machen und Hygienestandards etablieren, die eine Ausbreitung von Krankheiten verhindern. "Wir legen spezielle Fußmatten aus und installieren Sprayanlagen, damit die Patienten die Keime nicht zu uns ins Krankenhaus tragen", erläutert der Berliner Arzt. "Wir registrieren hier eine steigende Zahl von Durchfallerkrankungen, die uns Sorgen bereitet. Wir müssen unterscheiden, was ein Durchfall durch verdrecktes Wasser und was Cholera ist. Die Gefahr eines Cholera-Ausbruchs ist sehr hoch." Außer akuten Durchfallerkrankungen seien Hautkrankheiten häufig, auch Hautverletzungen durch Treibgut im Wasser sowie Atemwegserkrankungen.

Noch ist die Regenzeit nicht vorbei. Was ein Monsunregen anrichtet, hat Stöbe gleich bei seiner Ankunft in Punjab erlebt. "Wir kamen in einen Platzregen. Innerhalb von wenigen Minuten war die Straße überschwemmt. Man konnte gar nicht mehr sehen, wo die Straße war und wo der Fluss." Selbst die Pakistani, die mit dem wiederkehrenden Regen leben, hätten solche Sturzfluten noch nie erlebt.

"Inzwischen sind die Menschen hier zunehmend ungeduldig und wütend, weil keine Hilfe ankommt", berichtet der Präsident von Ärzte ohne Grenzen, "sie fühlen sich von ihrer Regierung in Stich gelassen." Stöbe geht davon aus, dass es wohl ein bis zwei Monate dauern wird, bis durch internationale Hilfen eine Grundsicherung zum Überleben gewährleistet werden kann. "Wenn keine weiteren Flutwellen kommen", schränkt er ein. Bis alle Häuser, Straßen und Brücken wieder aufgebaut sein werden, würden wohl Jahre vergehen.

Angesichts der "unglaublichen Krise" appelliert Tankred Stöbe an die Öffentlichkeit, sich so für Pakistan zu engagieren, wie sie es in großartiger Weise für Haiti und die Opfer des Tsunami getan habe. "Die Menschen hier haben ein berechtigtes Bedürfnis nach Hilfe!"

Frustration wegen ausbleibender Hilfe steigt

Ein Appell, den Jürgen Mika von der Welthungerhilfe unterstreicht. "Überall wo ich hinkomme, spüre ich die Frustration der Bevölkerung", so Mika, "deshalb ist es umso wichtiger, dass die Menschen in Europa und anderen reichen Ländern spenden, damit die Betroffenen hier in Pakistan nicht das Gefühl haben, alleine gelassen zu werden."

Mika befindet sich zurzeit in Nowshera, wo sich das Wasser zwar zurückgezogen hat, wo die Menschen aber vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Nach Tagen der Hilflosigkeit waren sie froh und dankbar, als die Welthungerhilfe erste Güter brachte. "Die Männer, die die Säcke entladen haben, lachten und freuten sich, dass endlich Hilfe kommt."

Immerhin 700 Menschen habe man mit Mehl, Bohnen, Linsen, Speiseöl und Salz versorgen können, so Mika, weitere Lieferungen sollen folgen.

Spendenkonten:
Ärzte ohne Grenzen: Kontonummer 97097, Bank für Sozialwirtschaft, Bankleitzahl 370 205 00
Deutsche Welthungerhilfe e.V.: Kontonummer 1115, Sparkasse Köln-Bonn, Bankleitzahl 370 501 98

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