Ärzte Zeitung, 25.08.2010

Tausend Daten, ein Ziel: Mehr Sicherheit

Sie fahren zu Verkehrsunfällen, dokumentieren das Unfallgeschehen und erfassen bis zu 3000 Einzeldaten: Forscher der German In-Depth Accident Study haben ein Kernziel: Sicherheit im Straßenverkehr zu verbessern.

Von Christian Beneker

Tausend Daten, ein Ziel: Mehr Sicherheit

Frontalzusammenstoß: Forscher der MHH und der TU Dresden suchen nach Ursachen, um die Verkehrssicherheit in Deutschland zu verbessern.

© imagebroker / imago

HANNOVER. "Der Renault hält an der Kreuzung der Hauptstraße. Der Fahrer wird durch das Sonnenlicht geblendet und kann den Mazda nicht erkennen, der von rechts kommt. Der Renault überquert die Hauptstraße und kollidiert frontal mit der linken Seite des Mazda." So nüchtern beschreiben Unfallforscher unter dem Dach der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) einen Unfallhergang - einen von tausenden dokumentierten Verkehrsunfällen im Jahr. Sinn der Übung: Daten zu sammeln über den Unfall, die Verletzungen, die Wettersituation und vieles mehr.

Seit 1999 kooperiert die MHH mit der TU Dresden im Gemeinschaftsprojekt GIDAS der Bundesanstalt für Straßenwesen und der Deutschen Automobilindustrie. GIDAS steht für German In-Depth Accident Study. Es ist das größte Projekt zur Erhebung von Unfalldaten in Deutschland und in der Arbeitsmethodik einmalig in der Welt. Die Forscher der Zentren in Hannover und Dresden sind von der Polizei direkt in die Rettungskette eingebunden, erklärt Professor Dietmar Otte, Ingenieur und Biomechaniker an der MHH, der "Ärzte Zeitung". "Wir fahren zur Unfallstelle, dokumentieren den Hergang mit spezieller Messtechnik. Dabei werden bis zu 3000 Einzeldaten je Unfall erfasst", erläutert Otte.

Unfall wird am Bildschirm rekonstruiert

Die Forscher sind in der Lage, den Unfall am Bildschirm zu rekonstruieren, sie errechnen Kollisions- und Fahrgeschwindigkeiten und ermitteln Fahrzeugbewegungen. Dabei liefern Umweltbedingungen oder die bei dem Unfall aufgetretenen Kräfte Puzzleteile für die Erklärung, wie und warum Menschen verletzt wurden und weshalb es zum Unfall gekommen ist. Für den beschriebenen Unfall mit dem Renault klingt das dann so: "Fahrer: männlich, 33 Jahre, Stirnverletzung, Hämatom Thorax, Fleischwunde rechte Hand. Beifahrer: männlich, 39 Jahre, Stirnverletzung, Hämatom linke Hand, Riss-Quetschwunde linkes Knie." Auch von der Krankenhausbehandlung des Unfallopfers werden die Patientendaten aufgenommen.

"Pro Team rekonstruieren wir rund 1000 Unfälle mit Personenschaden im Jahr - das sind etwa ein Fünftel aller Unfälle in den jeweiligen Erhebungsgebieten, und damit sind unsere Daten repräsentativ", erklärt Otte. Besonderer Vorteil sei die interdisziplinäre Forschung zwischen Technikern und Medizinern. Der weiterentwickelte Integralhelm für Motorradfahrer, die nach unten korrigierte Position der Stoßstange oder die Einsicht, dass auch Radfahrer einen Helm benötigen - die Unfallforscher haben für diese Schritte die nötige Datenbasis geliefert. Die ausgewerteten Unfalldaten halfen auch der Fahrzeug- und Zulieferindustrie dabei, Autos, Motorräder und Ausrüstungen sicherer zu machen.

Die Unfallforschungsteams in Hannover und Dresden haben durch ihre Daten und Anregungen mit dazu beigetragen, dass die Zahl der Unfalltoten und Schwerverletzten in Deutschland stetig gesunken ist. So nahm die Zahl Getöteter seit 1999 -damals waren es 7800 - im Verlauf der vergangenen zehn Jahre auf 4100 im Jahr 2009 ab. Und das bei stetig mehr Autos auf den Straßen. Im ersten Halbjahr dieses Jahres ist die Zahl der Verkehrstoten abermals um 15 Prozent auf 1675 gesunken.

Schwerpunkt der Forschung sind Kollisionen

Auch die oft fatalen Frontalzusammenstöße haben prozentual abgenommen.Viel häufiger sind dagegen seitliche Kollisionen. Sie bilden derzeit den Schwerpunkt der Forschung. Allerdings: Die Zahl der Unfälle sinkt nicht in dem Maße wie die der Verletzten und Getöteten. "Deshalb brauchen wir heute vor allem mehr Fahrerassistenzsysteme", sagt Otte.

Die Zukunft gehöre dabei der frühen Warnung durch Assistenzsysteme. Analysen der Forscher haben gezeigt: Wenn ein Fahrer zwei Sekunden früher erkennt, dass der Wagen, der von links auf die Kreuzung zufährt, nicht mehr halten wird, könnte er durch optimiertes Bremsen den Unfall vermeiden. "Wir brauchen schnellere Informationen im Fahrzeug", so Otte, "zum Beispiel durch Signale für den Fahrer, die vor herannahenden Konflikten warnen."

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