Ärzte Zeitung, 02.09.2010

Vom Onanierverbot zur Sex-Aufklärung

Um sittliche Reinheit und Triebverzicht ging es bei der Einführung des Aufklärungsunterrichts in preußischen Schulen im Jahr 1900. Knapp 70 Jahre später wurde in Deutschland der erste Sexualkunde-Atlas eingeführt.

Von Pete Smith

Vom Onanierverbot zur Sex-Aufklärung

Meilenstein: SPD-Gesundheitsministerin Käte Strobel stellt 1969 den Sexualkunde-Atlas vor (l.), Sexualkunde-Unterricht in Berlin heute (r.)

© Steiner / dpa (li), Thiel / imago (re)

Sexualerziehung setzt heute schon im Kindergarten an, in den Unterrichtsplänen deutscher Schulen ist sie seit 1968 verankert. Liebe, Lust und Erotik, Verhütung, Aids, Homosexualität - die Themen sind vielfältig, Tabus kaum bekannt. Vor 110 Jahren war das anders, als am 2. September 1900 das preußische Schulministerium per Erlass die Einführung von Aufklärungsunterricht an staatlichen Schulen verfügte.

Vorrangiges Ziel damals: die Heranwachsenden von sittlicher Reinheit und Triebverzicht zu überzeugen.

Hintergrund war der durch die Industrialisierung bedingte explosive Bevölkerungsanstieg in den Städten und die damit einhergehende Ausbreitung von Prostitution und Geschlechtskrankheiten. Wenn man die Jugendlichen von Enthaltsamkeit überzeugen und von "sexuellen Abnormitäten" abhalten könnte, würde man Probleme wie Syphilis und Tripper langfristig in den Griff bekommen, waren die Gesetzeshüter überzeugt.

So beauftragte die Schulbehörde der preußischen Residenzstadt Breslau, Hauptstadt der Provinz Schlesien, einen Biologen damit, Vorlesungen für Lehrer zusammenzustellen, in denen es vorrangig um Sexualhygiene und sexuelle Abweichungen vom Normverhalten ging. Dazu zählten etwa vorehelicher Geschlechtsverkehr, Homosexualität und Selbstbefriedigung.

Noch Ende des 19. Jahrhunderts konnte man in der "Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste" unter dem Stichwort "Onanie" nachlesen: "Selbstschändung, Selbstschwächung, Selbstbefleckung, Selbstbefriedigung. Sie gehört zu den wichtigsten physisch-moralischen Krankheiten, hauptsächlich der Städter, und herrscht seuchenartig in unserem Zeitalter."

Ende des 19. Jahrhunderts wurden Tabus gebrochen

Bis ins 19. Jahrhundert wurde über Sexualität nur unter dem Aspekt der Fortpflanzung geredet. Onanie dagegen stand für sexuelle Lust. Erst Ende des 19. Jahrhunderts begannen Psychiater wie Sigmund Freud und Richard von Krafft-Ebing damit, Tabus zu brechen, indem sie die vielfältigen Facetten der Sexualität in den Mittelpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeiten stellten.

Während die Menschen zu Zeiten der Weimarer Republik vom fortschrittlichen Denken profitierten und ihre Sexualität vergleichsweise freizügig auslebten, setzten die Nationalsozialisten ab 1933 wieder ganz auf Zucht und Ordnung. Auch in den 1950er Jahren konnte von einem offenen Umgang mit Sexualität keine Rede sein, wobei in der DDR immerhin ein eigenes Fach "Sexualkunde" für Schüler der achten Klasse eingerichtet wurde.

Doch erst die sexuelle Revolution ein Jahrzehnt später brachte den tatsächlichen Umschwung. 1968 gab die (bundesdeutsche) Kultusministerkonferenz der Länder die Empfehlung heraus, die Sexualerziehung fächerübergreifend in den Schulen zu behandeln.

Am 17. Juni 1969 wurde der im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums entwickelte "Sexualkunde-Atlas" als bundeseinheitliches Unterrichtsmittel für das neue Fach "Sexualkunde" an Schulen vorgestellt und lag ab 1. Juli in den Buchhandlungen aus. Während die evangelische Kirche den Aufbruch zu einer liberalen Sexualerziehung begrüßte, übte die katholische Kirche heftige Kritik.

Heute ist die Sexualerziehung in der Schule jener in Familien gleichgestellt. Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bezeichnen Kinder und Jugendliche inzwischen Schule und Elternhaus gleichermaßen als wichtige Informationsquellen zu Fragen rund um Sexualität.

Themen der aktuellen Sexualpädagogik sind Liebe, Erotik, Partnerschaft, sexuelle Selbstbestimmung und Orientierung, Sexualpraktiken, Pornografie, sexuelle Gewalt, sexuell übertragbare Krankheiten, Verhütung und Schwangerschaft.

Auch über Onanie und Homosexualität darf im Unterricht inzwischen frei gesprochen werden. Die Lehrpläne in den 16 Bundesländern haben sich seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 im Wesentlichen angeglichen.

Aufklärungskonzept hat Erfolg

Der Erfolg einer vorurteilsfreien Sexualaufklärung zeigt sich auch darin, dass sich in Deutschland immer mehr Bürger, darunter auffallend viele junge Menschen, mit einem Kondom vor Aids und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten schützen.

Wie die letzte Repräsentativerhebung der BZgA "Aids im öffentlichen Bewusstsein 2009" zeigt, verwenden inzwischen 86 Prozent der 16- bis 44-Jährigen zu Beginn einer neuen Beziehungen Kondome.

1994 waren es noch 65 Prozent. Mit rund 34 Neudiagnosen pro eine Million Einwohner hat Deutschland heute eine der niedrigsten HIV-Neuinfektionsraten Westeuropas.

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