Ärzte Zeitung, 03.09.2010

Angehörige sind jetzt die größte Stütze für die verschütteten Bergleute

Unerschütterlicher Wille und Disziplin haben die verunglückten Bergleute in Chile in den letzten Wochen am Leben gehalten. Trotz massiver Hilfe schweben sie aber auch weiterhin in großer Gefahr.

Von Wolfgang Geissel

Angehörige sind jetzt die größte Stütze für die verschütteten Bergleute

Familienmitglieder warten auf die Rettung ihrer verschütteten Angehörigen. Die Rettung kann allerdings noch Monate dauern.

© dpa

Der wichtigste Punkt ist, dass die verschütteten Bergleute es die ersten 17 Tage nach dem Unfall bis zur Kontaktaufnahme mit der Außenwelt geschafft haben. "Ich habe einen riesigen Respekt vor den Leuten, die diese lange Zeit unter Tage ohne wirkliche Zeichen von Hoffnung in einer Staubwolke unter schlimmsten hygienischen Bedingungen mit ganz geringen Ressourcen bei Funzellicht ausgehalten haben", sagt Dr. Bernd Johannes vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Hamburg im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Jetzt gibt es Hoffnung für die Eingeschlossenen, aber die Zeit bis zu einer möglichen Rettung dauert noch Monate. Hilfe für die Bergleute, diese vielen Tage in der Zwangsisolation zu überstehen, erhofft man sich unter anderem aus der Weltraumforschung. So hat die NASA aus den USA drei Ärzte und einen Ingenieur zur Unterstützung des Rettungsteams vor Ort geschickt. Der Psychologe Johannes aus Deutschland ist allerdings skeptisch, dass die Erfahrungen aus Experimenten und von Raumfahrtmissionen auf die Katastrophe übertragen werden können.

Wichtig ist, dass in solchen Extremsituationen einer die Führung übernimmt, sagt Johannes. In der Mine in Chile war dies nach den Berichten der 63-jährige Familienvater Mario Gomez, der den Anderen in der Gruppe den Glauben auf einen möglichen guten Ausgang habe vermitteln können. Jetzt sei der Kontakt zu den Angehörigen die größte Stütze für die Eingeschlossenen. "Wenn ein Kind sagt: `Papa komm nach Hause´, hat das eine ganz andere Wirkung als der Vortrag eines Psychologen", betont Johannes.

Die Eingeschlossenen können über den 15 cm weiten Versorgungsschacht mit Wasser-, Lebens- und Arzneimitteln versorgt werden. Spiele gegen die Langeweile - wie Domino und Würfel - hat man ihnen mit als erstes geschickt. Günstig sei jetzt auch die Aussicht auf die viele Arbeit: Schätzungsweise 7000 Tonnen Geröll müssten die Verschütteten in den nächsten Monaten wegräumen, wenn die Rettungsbohrungen von oben weiter vorangeschritten sind. Werkzeuge dafür gibt es nach den Berichten in dem abgeschnittenen Bereich und möglicherweise sogar Maschinen.

Was können Psychologen und Mediziner im Rettungsteam leisten? Sie werden jetzt vor allem gebraucht, um Angehörige und andere Unterstützer der Bergarbeiter zu betreuen. Außerdem geben sie Rat, was bei Depressionen, Nahrungsverweigerung oder auch Alkohol-Entzugserscheinungen getan werden kann. In den Videoaufnahmen von den Eingeschlossenen könnten Psychologen auch erkennen, wer besonders gefährdet ist. "Am schlimmsten ist es, wenn die mental Starken aus der Gruppe in die Krise kommen", sagt Johannes. Die Mitglieder der Gruppe müssten sich gegenseitig stützen und andere dann die Führung übernehmen. Skeptisch bewertet er die Möglichkeit, die Eingeschlossenen langfristig und nicht nur bei akuten Problemen mit Psychopharmaka zu behandeln. "Ich würde es allerdings nicht ablehnen, dass die Jungs ihr Bier bekommen", sagt der Psychologe.

Einer der Verschütteten hat inzwischen die medizinische Versorgung seiner Kollegen übernommen. Der Bergmann legt Verbände an und hat die Eingeschlossenen gegen Diphtherie, Tetanus, Pneumokokken und Grippe geimpft. Größere medizinische Probleme gibt es bisher offenbar nicht. Bedingt durch die feuchte Hitze unter Tage soll es aber Hautekzeme geben.

Eine große Sorge des Rettungsteams ist es, dass die verschütteten Bergleute schwer krank werden. Was könnte man etwa bei einem Herzinfarkt oder bei einer Blinddarmentzündung tun? Der Notfallmediziner Professor Peter Sefrin aus Würzburg ist skeptisch, dass dann wirklich geholfen werden kann. Bergleute mit Vorerkrankungen etwa am Herzen brauchten natürlich ihre Medikamente. Aber per Telemedizin einen Infarkt oder eine Appendizitis zu diagnostizieren und dagegen sinnvoll zu behandeln, sei nicht möglich, sagte Sefrin zur "Ärzte Zeitung". Einem Nichtmediziner könne man kein Skalpell in die Hand geben. Ausbrüche von Infektionen hält Sefrin bei den Bergleuten allerdings für unwahrscheinlich. Alles, was sie an Keimen mitgebracht haben, müsste sich bisher bereits geäußert haben.

"Die lange Zeit ist der größte Gegner der Eingeschlossenen", sagt der Psychologe Johannes: Die Bergleute sind weiter in Lebensgefahr, und es gibt keine Garantie, dass nicht kurz vor Toresschluss der Berg einstürzt oder ein anderes Unglück passiert.

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