Ärzte Zeitung, 07.04.2011

Ein Hospital mit leichtem Seegang

Achillessehne gerissen oder eine hartnäckige Grippe: Krank im Urlaub will kaum einer sein. Auf dem Aida-Kreuzfahrtschiff Richtung Brasilien kümmert sich eine Ärzte-Crew um all die Passagiere, die auf ihrer Reise erkranken.

Von Ulla Bettge

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Lange Fahrt in ruhigem Gewässer: Das Kreuzfahrtschiff auf der Fahrt vor Brasilien.

© imagebroker / imago

Julia G. hatte sich schon seit einem Jahr auf ihre Schiffsreise nach Brasilien gefreut. Von Mallorca aus transatlantik über die Kanaren und die Kap Verden und den Amazonas hinauf, vom 110 Kilometer breiten Mündungsdelta bis zur kolonialen Glanzmetropole Manaus und ihrer - nicht nur durch den Film "Fitzcaraldo" bekannt gewordenen - prachtvollen Oper.

Die sportliche und naturliebende Passagierin fieberte vor allem den im Programm angekündigten Dschungelwanderungen am längsten Fluss der Welt entgegen. Doch da waren zunächst die Seetage der Atlantiküberquerung mit traditionell reichhaltigem Programm an Bord - wie ein Volleyballturnier auf dem Pooldeck unter freiem Himmel.

Verletzung an Bord -  Dschungelwanderung adé

Und dort passierte es dann auch: Am vierten Reisetag verdrehte sich die 36-Jährige beim Aufkommen das Fußgelenk, der Bordarzt stellte die Verdachtsdiagnose teilweiser Abriss der Achillessehne vom Wadenmuskel und verpasste der Frau Gehstützen und einen stabilisierenden Verband.

Aus der Traum vom unebenen Urwald-Trekking. Sechsmal kam es auf der AIDA-Route Transatlantik-Amazonas an Bord und durch Umknicken bei Landausflügen zu ähnlichen Verletzungen und Gehbehinderungen.

Für das Team im Bordhospital -bei dieser Tour die Chirurgen Dr. Gernot Spiewok und Dr. Katrin Pätel und die Krankenschwestern Marika Gaube und Dagmar Ewald - nichts Neues. "Auf Schiffen gibt es eine andere Art von Körperbelastung: Vibrationen, Schwanken, Schaukeln können Gleichgewichtsstörungen verursachen. Was für die einen Entspannung ist, ist für andere Stress", so Spiewok.

Auch sind Erkältungen typisch für Kreuzfahrten in die Wärme: Der Wechsel zwischen steigenden Außen- und klimagekühlten Innentemperaturen in Schiffskabinen und Ausflugsbussen lässt die Konsultationen im Hospital auf dem schwankungsarmen Deck 3 sprungartig ansteigen. Bei einer Reise in die Tropen zählen auch Sonnenbrand mit Hautreizungen und Herpesschübe zum Standardprogramm im Bordhospital.

Schon seit Reisebeginn beobachtet werden eine 62-jährige Passagierin mit Herzrhythmusstörungen und ein Crew-Mitglied mit fortschreitendem Abszess im Afterbereich.

Während es gelingt, die Reisende medikamentös zumindest für die Reisedauer "runterzubekommen", wird der Crew-Patient auf der Kap Verdeninsel São Vicente mit der Bitte um OP in eine örtliche Klinik gebracht. Er kommt unoperiert zurück, die Chirurgen an Bord entschließen sich spontan, den Eingriff selbst zu machen.

Auch Nachteinsätze gehören zum Alltag des medizinischen Personals, das neben den festen Sprechzeiten 24 Stunden am Tag für potenzielle Patienten - das sind 1500 Passagiere und die 400 köpfige Crew - erreichbar ist.

Brasilien bedeutet für die Crew Dauerstress

So wie im Fall einer 58-jährigen Asthmatikerin: Das Team wird um 21.15 Uhr zur Kabine gerufen. Die Patientin wird in der Nacht intensivmedizinisch betreut. Stellt sich auch unter medikamentöser Weiterbehandlung keine Besserung ein, wird sie im ersten Anlaufhafen in Brasilien in die Klinik gebracht.

Eine solche Ausschiffung läuft nach Rücksprache mit dem Kapitän über den Schiffs-Purser in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Hafenagentur, die Klinik und Transport vermittelt.

Das Reiseziel Brasilien wird für die Hospital-Crew aufgrund extrem strenger Hygiene- und Gesundheitsvorschriften zum Dauerstress: keine Narkotika, kein Stauraum unter Waschbecken, Kabinenisolierung und Landgangverbot für Patienten die an Grippe- und Durchfallerkrankungen leiden.

Für die Schiffscrew muss parallel zu Europa mit Grippeschutzimpfungen begonnen werden - wegen möglicher Einschleppung von Viren an Bord. Während es bei der Atlantiküberquerung kaum Seegang gibt, schlagen in diesem Teil der Tour Windstärken von acht bis neun Beaufort so manchem Reisenden auf den Magen.

Chirurg Spiewok: "Acht bis zehn Prozent der Passagiere tauchten mit Übelkeit, Erbrechen und Schwindel bei uns auf."

Mit Blick auf Malaria in der Amazonas-Region wird an Bord nichts Spezielles organisiert. "Wir gehen davon aus, dass Passagiere vor einer solchen Reise mit ihrem Arzt sprechen."

Doch außer den Aktivitäten der brasilianischen Beobachter an Bord ist es eigentlich ruhig auf dem Schiff: Bei rund 340 Patienten unter den Passagieren und Mitgliedern der Crew waren die drei Wochen an Bord "ganz entspannt", zieht der Arzt Spiewok eine positive Bilanz.

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