Ärzte Zeitung, 10.01.2011

Von Dämonen und Neuronen im Landtag

Die Psychiatrie im Wandel der Zeiten - eine vor kurzem in Magdeburg eröffnete Ausstellung gibt Einblicke.

Von Petra Zieler

Von Dämonen und Neuronen im Landtag

Ausstellungsinfos per Kopfhörer: Besucherin der Schau Dämonen und Neuronen im Landtag in Magdeburg.

© Jürgen Baumann

MAGDEBURG. Dämonen und Neuronen. Psychiatrie gestern - heute - morgen. So lautet der Titel einer Ausstellung, die noch bis zum 28. Februar im Magdeburger Landtag zu sehen ist. Weitere Stationen sind Berlin und Brüssel.

"In der westlichen Welt leiden wir darunter, Stärke zu demonstrieren. Ganz besonders in Deutschland, wo immer alles quadratisch gut geregelt sein muss", so Herbert Grönemeyer bei der Ausstellungseröffnung Ende Dezember.

Zu seiner Motivation, Schirmherr der Ausstellung zu werden, sagte der Rockmusiker: "Ich bin weder Psychiater noch psychologisch gebildet. Aber ich bin ein Künstler.

Das sind nicht unbedingt die Klügsten, doch sie können trommeln, damit die wahren Kenner es leichter haben in die Öffentlichkeit zu kommen."

Es geht um den Abbau von Berührungsängsten

Anliegen der Ausstellung, die im Auftrag der SALUS gGmbH entstanden war, ist es, Wissen über psychische Krankheiten zu vermitteln und damit zum Abbau von Berührungsängsten und Vorurteilen gegenüber psychisch kranken Menschen beizutragen.

"Aufgrund der dramatischen Situation in meinem eigenen Leben habe ich selbst schon Hilfe beim Aufräumen im Kopf gebraucht", so Grönemeyer, der nach dem Tod seiner Frau und seines Bruders zur Trauerbegleitung in psychotherapeutischer Behandlung war.

Er ist nicht der einzige Prominente, der auf professionelle Unterstützung setzte. Für die Ausstellung wurde unter anderem ein Interview mit der Schauspielerin Katrin Sass aufgezeichnet, die in den 90er Jahren ihre Rolle im "Polizeiruf" wegen ihrer Alkoholsucht verlor.

"Es war ein Leben, das einsam war und voller Ängste", sagt sie im Rückblick. Während eines Krampfanfalls am 22. Juli 1998 kam dann die Wende der Katrin Sass, die nach Todesängsten und höllischen Qualen "Zwiesprache mit Gott" gehalten habe.

Sie fand die Kraft, sich für das Leben zu entscheiden. Heute trägt die Schauspielerin unter ihrer Bluse ein Kreuz. Ihr Comeback war grandios.

Aufgezeichnet wird in der Ausstellung aber auch das Schicksal von Howard Hughes, der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu den bekanntesten Regisseuren zählte und in den letzten Jahren seines Lebens unter dem Einfluss von Morphium zunehmend verwahrlost sein soll.

Erinnert wird an den Fußballtorwart Robert Enke, der seit 2003 aufgrund von Depressionen in Behandlung war und seinem Leben Ende 2009 ein Ende setzte.

Über David Beckham erfährt der Besucher, dass der Fußballstar es nicht ertragen kann, wenn eine ungerade Anzahl von Getränkedosen im Kühlschrank steht. Außerdem muss bei ihm immer alles in einer Linie liegen. Beckham selbst nennt seinen Sinn für Ordnung geradezu zwanghaft.

Psychische Störungen hat es immer gegeben, doch wurden sie über Jahrtausende hinweg nur selten als Krankheiten erkannt und behandelt. Der Glaube an böse Geister, Dämonen und Teufel war in vielen Kulturen lange Zeit übermächtig.

Die Ausstellung zeichnet zunächst den schwierigen Weg vom "Totempfahl zum Landasyl", von den Beschwörungsformeln zur Psychiatrie als wissenschaftliche Disziplin auf.

Erzählt wird auch von den Schamanen alter Völker, vom Tempelschlaf in der Antike, von Behandlungsmethoden im Mittelalter einschließlich der Inquisition, von "Blödenanstalten" und nicht zuletzt von den Opfern der Euthanasie.

Grönemeyer setzt auf Sensibilisierung

Der Hauptteil beschäftigt sich mit heutigen Diagnosen und Therapien. Modelle, Tafeln, Video-Interviews oder Audio-Aufzeichnungen belegen, dass psychische Erkrankungen auch im Hier und Jetzt weder vor Alter, Geschlecht noch Herkunft Halt machen.

Weltweit hat jeder vierte Mensch mindestens einmal in seinem Leben psychische Probleme. Allein in Europa leiden, wie in der Ausstellung zu erfahren ist, mehr als 140 Millionen Frauen und Männer an Depressionen, Angst- oder Panikstörungen, Demenz, Schizophrenie, bipolaren Störungen oder Suchterkrankungen.

Und dennoch müssen sich Patienten zusätzlich mit Vorurteilen, Ausgrenzung und Unverständnis auseinandersetzen. "Ich hoffe", sagte Herbert Grönemeyer, "dass ich dazu beitragen kann, das Problem öffentlich zu machen, damit sich Betroffene trauen, darüber zu reden.

Die SALUS gGmbh ist eine Betreibergesellschaft für sozial orientierte Einrichtungen des Landes Sachsen-Anhalt mit derzeit 2000 Beschäftigen.

Mit dem Förderverein Psychiatrie in Geschichte und Gegenwart e.V. und der Initiative "Mittendrin - wir" unter Schirmherrschaft Herbert Grönemeyers engagiert sich SALUS seit Jahren für den Abbau von Berührungsängsten mit Blick auf die Psychiatrie.

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