Ärzte Zeitung, 17.01.2011

Eine Mittagspause auf dem Balancierbalken

Zwei Leipziger Firmen wollen die Gesundheit in Betrieben verbessern. Angestellte sollen dafür in Aktivgärten ihre Sinne schärfen und die Körperhaltung stärken.

Von Thomas Trappe

Eine Mittagspause auf dem Balancierbalken

Verspannte Muskeln lockern: Die Idee des Aktivgartens hatte Dr. René Toussaint. Lena Michael und ihre Kollegen können hier entspannen.

© Trappe

Die Übung ist vielen bekannt aus Grundschule oder Kindergarten: Im Spiel imitieren die Kinder jene Bewegung, die sie machen würden, wollten sie bei einem entsprechend kleinen Apfelbaum das Obst pflücken.

Die Übung wird gern als Äpfel- oder Pflaumenpflücken bezeichnet und ist für die Kinder ein Spiel. In Wirklichkeit ist es eine Streckübung. Kinder machen Sport nicht gerne, wenn er Sport genannt wird.

Bei Erwachsenen ist es nicht viel anders, sagt Dr. René Toussaint. Als Leiter der Leipziger Gesundheitsberatungsfirma "Meam Aktivital" will er Spielwiesen bauen.

Dort sollen nicht Kinder, sondern hochdotierte Mitarbeiter zum Turnen verführt werden, zum Beispiel an Holzwänden, die zum Händestrecken animieren. Ziel: Die Krankheitstage in Unternehmen zu reduzieren, und zwar deutlich.

Auch an Rosen schnuppern ist eine Streckübung

Das Kerngeschäft der Meam Aktivital, ein Schwesterunternehmen des Leipziger Lehrkrankenhauses Medica Klinik, ist Gesundheitsmanagement. Mitarbeiter der Firma beraten andere Unternehmen, wie diese ihre Mitarbeiter bei Laune und vor allem Gesundheit halten.

"Der Aktivgarten ist sowas wie unser Leuchtturmprojekt", sagt der Orthopäde Toussaint, dessen sportlichem Outfit anzusehen ist, dass er den Gang an die frische Luft schätzt. Entsprechend gerne führt er Gäste durch den Aktivgarten.

Er findet sich im 2000 Quadratmeter großem Hof der S&P, einem Ingenieur- und Architekturbüro am Leipziger Stadtrand. In der Firma wurde das Aktivgarten-Konzept zum ersten Mal umgesetzt.

Ein Garten, der in den Pausen von den Architekten und Ingenieuren aufgesucht wird, wenn sie Entspannung auf dem Balancierbalken, dem Schlängelpfad oder beim Boccia-Spielen suchen.

Der Rundgang beginnt allerdings an einem Beet, der sogenannten Duftstrecke. Im Sommer blühen hier Rosen und Lavendel. Allein der Duft ist ein Vergnügen, doch es geht grundsätzlich um etwas anderes: Wollen die Mitarbeiter schnuppern, müssen sie sich bücken, und schon haben sie ihre am Schreibtisch eingerosteten Knochen gestreckt.

Weiter geht es in Richtung der angrenzenden Nachbargärten, kurz vorm Zaun, etwas versteckt in einer Ecke, ist der Schlängelpfad zu entdecken. Ein Weg, der Barfuß zu begehen ist und durch verschiedene Untergründe wie Sand und Stein "verschiedene Reize für den Bewegungsapparat bietet", so Toussaint.

Schnell zeigt er noch die "Aktivbank" mit den verschiedenen Streckübungen. Danach geht es zum riesigen Steckhalma-Spiel, dort, wo die Hände in die Höhe gehen sollen.

Der Aktivgarten steht nicht zufällig auf dem Gelände der S&P. Der Chef des 110-Mitarbeiter-Unternehmens ist ein Bekannter von René Toussaint, bei einem Gespräch in einem Leipziger Unternehmertreff wurde die Idee für den Bewegungsgarten vor zwei Jahren geboren.

Das Anliegen des Unternehmens sei, "dass die Mitarbeiter sich wohlfühlen", so die S&P-Referentin Lena Michael, während sie die Beine an der Aktivbank stretcht. Dass die Mitarbeiter während der Arbeitszeit in den Garten gehen können, hat freilich mehr als altruistische Gründe.

Denn glückliche Mitarbeiter werden seltener krank und arbeiten produktiver. Die Zeit draußen mit der am Schreibtisch aufzurechnen, das verbiete sich schon deshalb, weil die Mitarbeiter ja auch regelmäßig freiwillig Überstunden machten, so Lena Michael. "Wir wollten hier nicht nur einen Arbeitsplatz schaffen, sondern einen Lebensraum."

René Toussaint erklärt, dass die größten Probleme bei der Arbeitnehmergesundheit Erkrankungen der Knochen und Stress-Leiden seien -mithin auch die häufigsten Gründe für Fehlzeiten.

Mit dem Aktivgarten wolle man beide Probleme präventiv angehen. Der Firmenchef stützt sich dabei auch auf Untersuchungen eines großen Flugzeugbauers.

Dort hätten Studien ergeben, dass sich mittels eines Fitnessprogramms im Unternehmen die Fehltage der Mitarbeiter im Schnitt um zwei Wochen verkürzen ließen - und zwar innerhalb eines Jahres.

Besonders für kleinere und mittelständische Unternehmen sei die Mitarbeiterzufriedenheit wichtig, so Toussaint. In solchen Betrieben nämlich wäre der Ausfall von Kollegen besonders gefährlich, meint er, und verweist auf den künftigen Fachkräftemangel und die damit einhergehende Unentbehrlichkeit gesunder, qualifizierter Kollegen.

Den Aktivgarten gibt es auch in der Luxusvariante

Baulich umgesetzt wurde das Aktivgarten-Konzept der "Meam Aktivital" durch die S&P-Architekten, man würde nach dem Startschuss in Leipzig gerne weiter zusammenarbeiten, erklären beide Firmen.

"Das wird sicher ausgeweitet", so René Toussaint, der viele Mitbewerber im Bereich des Gesundheitsmanagements hat und sichtlich glücklich über die neue Errungenschaft ist.

Im mittleren fünfstelligen Bereich liegt die Investitionssumme für den Bewegungsgarten, "wobei dieser hier bei S&P die Luxusvariante ist", sagt er, es ginge also auch billiger.

Zur Luxusvariante gehört auch, dass einmal die Woche Physiotherapeuten bei S&P die Mitarbeiter betreuen, zum Beispiel mit einer Anti-Migräne-Massage.

Doch bei allen Kosten, der Meam-Chef ist überzeugt, dass es sich am Ende für die Firmen rechnet. "Ein Arbeitgeber muss einfach mal schauen, was ihn ein kranker Mitarbeiter pro Tag kostet."

25 Firmen berät René Toussaint, darunter Automobilhersteller und Bankhäuser. Alles potenzielle Kunden für das Aktivgartenkonzept von Meam und S&P.

Bisher finden sich die Kunden nur im Raum Leipzig. Doch bald könnte die Idee sich deutschlandweit durchsetzen, ist René Toussaint überzeugt. Und streckt die Hände in die Höhe im verschneiten Aktivgarten.

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