Ärzte Zeitung, 24.02.2011

Eine Ambulanz gegen das Lampenfieber

Die Hände schwitzen, das Herz rast, der Mund ist trocken - der Cellist hat Angst vor seinem Auftritt. In der Bonner Uniklinik ist vor kurzem eine Lampenfieber-Ambulanz eröffnet worden. Aus allen Teilen Deutschlands reisen Profi-Musiker an, die Warteliste wird immer länger.

Von Nina Giaramita

Eine Ambulanz gegen das Lampenfieber

Skeptischer, verängstigter Blick in Richtung Publikum - bald wird das Konzert beginnen.

© photos.com

KÖLN. 500 Zuschauer sitzen vor Erwartung gespannt auf ihren Stühlen. Gleich wird der Vorhang aufgehen und den Blick auf den jungen Klavierspieler unerbittlich freigeben. Seine Hände schwitzen, das Herz rast, der Mund ist trocken. "Wie soll ich diesen Abend überstehen?", fragt er sich voller Angst.

Viele Musiker können diese Situation schmerzhaft nachempfinden. Untersuchungen zufolge leidet mehr als die Hälfte von ihnen unter starker Auftrittsangst. In vielen Foren tauschen sich die Leidgeplagten über ihre Probleme aus.

Versagensangst ist in der Branche ein Tabuthema

Die wenigsten gehen mit ihren Ängsten an die Öffentlichkeit. Denn die Versagensangst ist trotz seiner weiten Verbreitung in der Branche ein Tabuthema. Doch jetzt gibt es Hilfe.

Seit Juli vergangenen Jahres können sich Musiker, die unter krankhaftem Lampenfieber leiden, in einer deutschlandweit einmaligen Beratungsstelle Unterstützung suchen - in der Lambenfieber-Ambulanz der Bonner Universitätsklinik.

Gegründet wurde sie von Dr. Deirdre Mahkorn und ihrem Kollegen, dem Diplom-Psychologen Martin Landsberg. Die 39-jährige ist Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Mahkorn ist selbst "musikalisch sozialisiert": Sie hat eine Gesangsausbildung absolviert und spielt seit ihrer Kindheit Klavier.

Da zu ihrem Freundeskreis viele Profi-Musiker zählen, weiß sie um das Problem - und um den Wunsch, sich von Spezialisten helfen zu lassen, die musikalisch bewandert sind. "Viele empfinden es als Erleichterung, wenn man sich im Repertoire gut auskennt oder die spezifischen Probleme bei der Instrumentenführung nachempfinden kann", sagt sie. Auch Kollege Landsberg ist musikerprobt. In seiner Freizeit bläst er Horn.

Seitdem das Kollegen-Duo das Angebot der Lampenfieber-Ambulanz öffentlich gemacht hat, sind bereits über 50 Patienten in das Behandlungsprogramm aufgenommen worden. "Wir sind überwältigt von der Resonanz", sagt Mahkorn, die Warteliste wird immer länger.

Die Musiker reisen aus dem ganzen Bundesgebiet an, teilweise sogar aus dem Ausland. Sie kommen alle aus der klassischen Musik. Viele von ihnen sind Streicher. "Die Musiker aus der Klassikbranche sind zum Großteil Perfektionisten und sehr unerbittlich gegen sich selbst", stellt Mahkorn fest.

Der hohe Druck wird durch den harten Wettbewerb untereinander verstärkt. Gut dotierte Orchesterstellen sind rar, dementsprechend scharf ist der Konkurrenzkampf - auch das kann dazu beitragen, starkes Lampenfieber oder eine ausgeprägte Panikstörung zu entwickeln.

Starkes, immer wiederkehrendes Lampenfieber lässt sich in die Gruppe der Angsterkrankungen einordnen. Das dazu gehörige Behandlungskonzept ist daher nicht eigens für die Musiker ersonnen worden. "Bei Angsterkrankungen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie bewährt.

Daher kommen in unserer Ambulanz vor allem diese Methoden zum Einsatz", sagt Mahkorn. Darüber hinaus lernen ihre Patienten, wie sie mit Entspannungstechniken und Yoga ihre Ängste in den Griff bekommen können.

Feuerprobe für Klassik-Profis

Am Ende der Behandlung müssen die Klassik-Profis noch eine besondere Hürde nehmen. Sie müssen in der Klinik vor einem kleinen, meist aus Ärzten und Klinikpersonal bestehenden Publikum vorspielen. Die Feuerprobe überstehen viele mit Bravour.

Das Ergebnis: Die angstgeplagten Musiker gehen gestärkt aus der Therapie hervor. "Viele nehmen danach wieder an Probespielen teil und machen die Erfahrung, dass sie die auch gewinnen können", erzählt Mahkorn.

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