Ärzte Zeitung, 27.03.2011

Muslimische Telefonseelsorge: Einfach mal über Probleme reden

Seit knapp zwei Jahren gibt es in Berlin das erste muslimische Seelsorge-Telefon. Hier rufen viele Menschen an, die sonst niemandem zum Reden finden. Die Resonanz ist so groß, dass die Sprechzeiten immer wieder ausgeweitet werden. Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet.

Von Eugenie Wulfert

Muslimische Telefonseelsorge: Einfach mal über Probleme reden

Zuhören, wenn es sonst keine Vertrauensperson gibt: Der erste muslimische Telefon-Seelsorge-Dienst in Berlin.

© deenomedia / deeno.medi

BERLIN. Sein erster Anruf war der erschütterndste, erinnert sich Mohammad Imran Sagir. Kaum waren die Leitungen des ersten Muslimischen Seelsorge-Telefons im Mai 2009 scharf geschaltet, klingelte das Telefon: Eine junge Frau, die Opfer einer Vergewaltigung wurde. Seit einem Jahr konnte die Muslimin mit niemanden über die Tat sprechen. Bei Imran Sagir überwand sie ihre Angst.

56 Ehrenamtliche beraten bis Mitternacht

Seither sind fast zwei Jahre vergangen. Über 3500 Anrufe nahmen der Geschäftsführer der Muslimischen Telefonseelsorge, Imran Sagir, und die ehrenamtlichen Berater seitdem entgegen. Die Hilfesuchenden brauchen jemanden, der ihnen zuhört. "Der Bedarf ist groß", ist sich Sagir sicher. Insgesamt 56 Ehrenamtliche beraten in Vier-Stunden-Schichten von 8 Uhr morgens bis Mitternacht. Wegen der großen Nachfrage wurden die Sprechzeiten ab März 2011 von zwölf auf 16 Stunden täglich aufgestockt.

Die Beratung erfolgt zumeist in deutscher Sprache. "Manchmal ist es aber einfacher, seine Gefühle in Muttersprache auszudrücken", sagt Sagir. Deshalb bietet das Muslimische Seelsorge-Telefon seinen Dienst einmal wöchentlich auch auf Türkisch an. Auf Anfrage ist es möglich, sich unter anderem auf Urdu, das in Pakistan und Indien gesprochen wird, arabisch und demnächst auch bosnisch beraten zu lassen. "Allerdings wird das Angebot relativ selten in Anspruch genommen", betont Sagir. Die meisten Anrufer beherrschen die deutsche Sprache gut genug.

Der Geschäftsführer des Muslimischen Seelsorge-Telefons sitzt selbst mehrere Abende im Monat am Telefon. Sein Büro und die beiden Seelsorgezimmer befinden sich in einer Dachgeschosswohnung im Osten Berlins. Das Muslimische Seelsorge-Telefon sei das einzige seiner Art weltweit, sagt Sagir. "Es gibt in muslimischen Ländern Islam-Infohotlines, die in religiösen Fragen beraten", sagt Sagir, "darum geht es bei uns aber nicht". Dennoch sei der religiöse Bezugsrahmen sehr wichtig. Denn dieser bestimmt häufig Alltagsstrukturen und die sozialen Beziehungen der Anrufer. Die Hilfesuchenden vertrauen den Menschen am Telefon, gerade weil sie ihre Kultur verstehen.

Über 70 Prozent der Hilfesuchenden sind Frauen. "Das ist bei der christlichen Telefonseelsorge nicht anders", versichert Sagir. Und die Anrufer sind relativ jung. Nach Schätzung des Geschäftsführers sind 70 bis 80 Prozent unter 40 Jahre.

Im Fokus stehen Beziehungsprobleme

Die meisten Anrufer suchen Hilfe, weil sie Probleme in ihren Partnerschaften haben. "Themen wie Diskriminierung kommen sehr selten zur Sprache", erklärt Sagir. "Beziehungen jeder Art stehen im Mittelpunkt". Von Problemen mit dem Partner oder Partnerin, über Generationenkonflikte bis hin zur häuslichen Gewalt: Die Berater hören zu und ermutigen die Menschen, an der Lösung für ihr Problem zu arbeiten.

Ob die Berater den Hilfesuchenden helfen konnten, erfahren sie nur selten. "Wenn der Hörer aufgelegt ist, weiß man nicht, ob der Betroffene sein Problem letztendlich bewältigt hat", sagt Sagir. Manchmal kommt dennoch ein Anruf oder eine E-Mail mit dem Dank für Hilfe. Die Frau, die nach der Vergewaltigung erste Anruferin beim Muslimischen Seelsorge-Telefon war, meldete sich ein Jahr nach dem Beratungsgespräch bei der Hotline. Sie hatte sich getraut, ihrer Schwester von der Tat zu erzählen und professionelle Hilfe zu suchen.

Für das Engagement wurde die Muslimische Telefonseelsorge im vergangenen Jahr zusammen mit ihrem Träger Islamic Relief e.V. und den Kooperationspartnern, dem Diakonischen Werk und dem Caritasverband, vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Zuletzt hat das Projekt den Publikumspreis im Rahmen des Aspirin-Sozialpreises von Bayer gewonnen.

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