Ärzte Zeitung, 09.05.2011

Immer mehr alte Männer nehmen sich das Leben

Nach dem Tod von Gunter Sachs rückt ein Tabuthema in den Fokus: die Selbsttötung im Alter.

Immer mehr alte Männer nehmen sich das Leben

Gunter Sachs nahm sich das Leben: Laut Statistischem Bundesamt steigt die Zahl der Suizide bei älteren Männern.

© dpa

WIESBADEN (dpa). Gunter Sachs ist kein Einzelfall: Obwohl die Zahl der Suizide an sich zurückgeht, nehmen sich immer mehr ältere Männer das Leben. Das bestätigte das Statistische Bundesamt am Montag der Deutschen Presse-Agentur.

Männer entscheiden sich häufig für eine brutale Weise, um aus dem Leben zu scheiden. Am Sonntag hatte die Familie von Gunter Sachs mitgeteilt, dass sich der Unternehmer, Künstler und Sammler in der Schweiz das Leben genommen habe - im Alter von 78 Jahren.

Zahl der Selbsttötungen pro Jahr nimmt ab

Laut Todesursachenstatistik sank die Zahl der jährlichen Selbsttötungen zwischen 1998 und 2009 über alle Altersgruppen und Geschlechter hinweg - von 11 644 auf 9616. Auch wenn man nur die Männer betrachtet, ging die Zahl von 8575 auf 7228 zurück.

Gegen den Trend wählen jedoch mehr ältere Männer den Suizid: Bei Männern zwischen 65 und 70 stieg die Zahl von 528 auf 609, bei 70- bis 75-Jährigen von 479 auf 587. Bei den 75- bis 80-Jährigen stieg die Zahl von 408 auf 456 und bei den 80- bis 85-Jährigen sogar von 286 auf 403.

Auffällig ist, um wie viel wahrscheinlicher eine Selbsttötung mit wachsendem Alter der Männer wird: Umgerechnet auf je 100 000 Menschen der Altersgruppe nahmen sich im Jahr 2009 bei den 75- bis 80-Jährigen 35 Männer das Leben, bei den 80- bis 85-Jährigen 49 und bei den Männern zwischen 85 und 90 Jahren sogar 77 von 100 000.

Männer wählen häufig gewaltsame Todesart

In dem von der Familie veröffentlichten Abschiedsbrief schrieb Sachs, er habe erkannt, an der "ausweglosen Krankheit A." zu leiden, womit er wohl Alzheimer meinte, da er auch schrieb: "Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten." Zur Art der Selbsttötung von Sachs machte die Familie keine Angaben.

Im Gegensatz zu Frauen entscheiden sich Männer häufig für sehr gewaltsame Todesarten, wenn sie sich selbst töten. Im Jahr der aktuellsten Statistik griffen 731 Männer zu einer Schusswaffe, aber nur 37 Frauen. Zu einer Stichwaffe griffen 292 Männer und 83 Frauen. Den Tod durch Erhängen, Strangulieren oder Ersticken wählten 3736 Männer. Bei den Frauen waren es 752.

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[10.05.2011, 20:25:32]
Karl-Georg Vaith 
Selbsttötung im Alter
Nun, wenn eine Demenz (Alzheimer) oder eine unheilbare Krankheit im Frühstadium feststeht, sollte man es der betroffenen Person überlassen, welchen Freitod sie wählt.
Natürlich kann man mit Gesprächen oder einer effektiven Therapie versuchen,die richtige Entscheidung zu verzögern oder zu ändern, aber die betroffenen Person sollte die letzte Instanz bestimmen.
Oder sind sie damit einverstanden, dass andere über ihr Leben bestimmem ? zum Beitrag »
[10.05.2011, 13:17:40]
Dr. Ulrich Paschen 
Falsches Vorbild
In der Betreuung älterer Menschen spielt die Frage nach dem Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende für viele Ärzte eine große Rolle. Schade nur, dass das Leben der Vielen keine Beachtung findet. Erst bei Promis gerät dann ein angebliches "Tabuthema in den Fokus". Wie nach dem traurigen Tod des Fussballers Enke unverhohlen die bessere Versorgung mit Antidepressiva propagiert wurde, kann man sich jetzt schon ausmalen, dass alten Männern mit beginnender Demenz die Selbsttötung als sozialverträglich empfohlen wird - ein berühmtes Vorbild haben wir ja jetzt. Können wir es nicht einfach dabei belassen, dass ein Mensch für sich eine Entscheidung getroffen hat wie viele andere ungenannte auch? Sollten wir nicht lieber darüber nachdenken, warum Menschen vor der Demenz mehr Angst haben als vor dem Tod? Statt über Statistiken zur Tötungsmethode (Erschießen, Erstechen, Erhängen) zu fachsimpeln? Wäre es nicht einen Gedanken über das Los der alternden Menschen wert - nicht nur alter prominenter Lebemänner? Hier rutscht ein gewichtiges Thema auf das Reflexionsniveau eines allfälligen Promi-Populismus ab. Mich als "alten Mann" hat es schon früher an G. Sachs geärgert, dass man ihn viel zu wichtig genommen hat.  zum Beitrag »
[10.05.2011, 11:27:27]
Dr. Detlef Bunk 
Bilanzselbstmorde
Das Phänomen zunehmender Bilanzselbstmorde im Alter ist Symptom eines schweren ethischen Werteverfalls der westlichen neo-kapitalistischen, individualisierten und harten Konkurrenzgesellschaft, in der Kümmernis und Engagement für den Anderen als nicht profitabel gesehen, allenfalls als individuelle Gewissensberuhigung belächelt werden. In der gegenwärtigen funktionalen und rationalen Daseinsform herrscht die Philosophie: Kann man „sein Mann nicht mehr stehen“, gehört man zum teueren Entsorgungsgut. Der Verlust christlicher Werte und die unbeantwortete Frage „Wo wollen wir als Menschen eigentlich hin?“ endet in einer sozialdarwinistischen Gesellschaft, in der Anerkennung, Wertschätzung und Respekt vor den Lebensleistungen von Menschen, die ihr Leben gelebt haben, verloren gegangen sind. zum Beitrag »
[10.05.2011, 09:59:47]
Dipl.-Psych. Benno Lewe 
Werther-Effekt
In einer Zeit schneller Überschriften scheint ein weiterer Damm gebrochen zu sein. Früher wurde wegen des bekannten Werther-Effektes in den Medien nicht über Suizide berichtet. Seit dem Tod von Enke scheint dies anders zu sein. Als Leitender Psychologe in einer Psychiatrischen Klinik sehe ich die Überschriften in der Tagespresse mit Schrecken. Mehrere meiner Patienten sind seit gestern wieder aufgewühlter und latente Suizidgedanken werden virulenter.
Dies sollten sich alle vergegenwärtigen, die sich als "Tabubrecher" positiv selber sehen und vielleicht auch inszenieren; ich denke an Moderatoren, die Fernsehsendungen planen, wie ich höre. Die Ärztezeitung als ein Medium für Fachleute erscheint mir ein angemessener Ort der Diskussion. zum Beitrag »

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