Ärzte Zeitung, 22.07.2011

Ärzte musizieren wie in einer großen Familie

Den Ausgleich zum Medizinerberuf suchen viele Ärzte in der klassischen Musik. Beim Deutschen Ärzteorchester treffen sich begeisterte Hobby-Musiker zum gemeinsamen Proben und Spielen.

Von Pete Smith

Musizieren wie in einer großen Familie

Die zweite Geige ist sein zu Hause: Dr. Michael Scheele (mitte) ist Vorsitzender des Orchesters.

© Deutsches Ärzteorchester

"Ich bin ein überzeugter zweiter Geiger", sagt Dr. Michael Scheele, Chefarzt Gynäkologie im Klinikum Nord Heidberg der Frauenklinik Hamburg und 1. Vorsitzender des Deutschen Ärzteorchesters. "Mozart hat die zweiten Geigen geliebt!"

Scheele ist seit elf Jahren Mitglied des mit 150 Musikern größten deutschen Mediziner-Orchesters und seit 2009 dessen Vorsitzender. Zwei- bis dreimal pro Jahr treffen sich die Kollegen für mehrere Tage zu intensiven Proben, um im Anschluss einem öffentlichen Publikum Kostproben ihrer Kunst darzubieten.

Diese Arbeitsweise kommt den meisten entgegen, die in Klinik oder Praxis voll eingespannt sind. "Das setzt natürlich voraus, dass man einen gewissen Standard hat und regelmäßig übt", schränkt Scheele ein. Er selbst liebt es, in immer neuen Zusammensetzungen zu spielen, sind doch bei den einzelnen Projektphasen nicht immer alle Musiker dabei. "Manchmal finden sich Kollegen nach den Proben sogar noch zur Kammermusik zusammen."

Das Deutsche Ärzteorchester wurde 1989 von dem Allgemeinmediziner und Dirigenten Dr. Dieter Pöller in München gegründet. Einem öffentlichen Aufruf folgten damals mehr als 50 Kollegen, die sich noch im selben Jahr in Rottach-Egern am Tegernsee zur ersten Projektphase trafen.

Wenige Monate nach ihrem ersten Konzert fiel die Mauer. Pöller reagierte sofort und nahm Kontakt zu den Musici Medici auf, einem 1981 aus einer Kammermusikgruppe am Biochemischen Institut der Humboldt-Universität Berlin hervorgegangenen Orchester, dem zu jener Zeit überwiegend Medizinstudenten angehörten.

150 Mitglieder aus verschiedenen Fachrichtungen der Medizin

Noch heute bildet die Allianz zwischen München und Berlin die zentrale Achse des inzwischen 150 Mitglieder zählenden gesamtdeutschen Orchesters. Im Herbst 2003 übergab Pöller den Dirigentenstab an seinen damaligen Assistenten Alexander Mottok aus Hamburg. Der 1972 in Kiel geborene Violinist, Komponist und Dirigent ist zudem Leiter des Gateway Symphony Orchestra und Chefdirigent des Stader Kammerorchesters.

Die Besetzung des Deutschen Ärzteorchesters entspricht der eines Sinfonieorchesters. Ihm gehören Ärzte verschiedener Fachrichtungen an, aber auch Angehörige anderer medizinischer Berufe sowie Medizinstudenten. Viele Mitglieder verfügen zusätzlich zu ihrer medizinischen Ausbildung über eine professionelle musikalische Erziehung.

"Zwischen Musik und Medizin besteht offenbar eine besondere Verbindung", so Scheele. "Vielleicht beruht das darauf, dass sowohl in der Medizin als auch in der Musik große Einfühlsamkeit verlangt wird." Die Konzerte des Ensembles haben oft Benefizcharakter. In der Vergangenheit konnten sich Hilfsorganisationen wie Ärzte für die Dritte Welt, die Deutsche Alzheimer-Stiftung und das Kinderhospiz Sternenbrücke über zum Teil fünfstellige Zuwendungen freuen.

Ihre Anreise und Unterbringung bezahlen die Kollegen aus eigener Tasche und kommen zudem für die Unterbringung jener Kollegen auf, die keine eigenen Einkünfte haben.

Auch Christa Schmolke spielt im Ensemble die 2. Geige. Hinter den Kulissen kümmert sich die Münchnerin zudem um das Management, die Kontakte und die Finanzen. "Zwei bis drei Stunden täglich" hält sie der Nebenberuf auf Trab. Da werden Noten verschickt, neue Mitglieder geworben und Termine koordiniert.

"Wir sind nicht nur ein Verein, sondern eine große Familie", lobt Christa Schmolke den Gemeinschaftssinn der Musiker. Von den Gründungsmitgliedern seien noch fast alle dabei.

Die nächsten Konzerte:
23. Juli zum 25-jährigen Jubiläum des Münchener Kulturzentrums Gasteig in der Philharmonie;
24. September, Benefizkonzert Ärzte für die Dritte Welt, Altes Schloss Stuttgart; Jahresabschluss :
28. Oktober in der Basilika St. Kastor in Koblenz,
29. Oktober in der Liebfrauenkirche Oberwesel am Rhein.

Das Orchester sucht ständig neue Mitglieder. Voraussetzungen: medizinischer Beruf, Orchestererfahrung.
Infos unter:
www.aerzteorchester.de

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