Ärzte Zeitung, 23.05.2011

Mit dem Hebammen-Mobil durch Madagaskar

Madagaskar ist ein Land, das viele nur von den gleichnamigen lustigen Animationsfilmen kennen. Doch die Insel östlich von Afrika ist bitterarm. Eine deutsche Hebamme versorgt schwangere Frauen in einer mobilen Klinik.

Von Klaus Heimer

Mit dem Hebammen-Mobil durch Madagaskar

Der Plüsch-Klapperstorch das das markante Markenzeichen des Hebammen-Mobils, mit dem Tanja Hock (links) in Madagaskar Frauen hilft.

© Klaus Heimer/dpa

ANTANANARIVO "Ausgesetztes Kleinkind von Ratten angefressen" oder "Säugling von Mutter nach Geburt verlassen" - Meldungen dieser Art schrecken auf der bitterarmen Tropen-Insel Madagaskar immer wieder auf.

Die Deutsche Tanja Hock (32) aus dem unterfränkischen Großostheim lebt seit 2006 in der Heimat von Pfeffer und Vanille. Sie und ihr Mann Gerd, der aus Backnang stammt, finden sich nicht mit dieser Situation ab und haben die Aktion "Mobile Hilfe Madagaskar" gestartet.

Eine in Deutschland ausgemusterte mobile Postbank-Filiale erfüllt auf der 8000 Kilometer entfernten Gewürzinsel seit Ende 2009 gute Dienste - als Hebammen-Mobil in der Hauptstadt Antananarivo. "Wir sind komplett autonom", sagt Tanja Hock, die im Klinikum Aschaffenburg zur Hebamme ausgebildet worden ist.

In dem Fahrzeug mit der Aufschrift "Sage-femme mobile" (mobile Geburtshelferin) und dem Bild des Klapperstorchs befinden sich Klimaanlage, Strom, Wasser und ein Brutkasten.

Derzeit werden etwa 460 Erwachsene und über 1000 Kinder regelmäßig von Hock und ihrem Team betreut. Ehemann Gerd Hock arbeitete zuvor drei Jahre für die Schweizer Heli-Mission auf der viertgrößten Insel der Welt. Seit der Adoption des fünf Monate alten Josia Fanilo im Januar 2007 und später des ausgesetzten Mädchen Fifaliana knüpften die Eheleute Hock dort viele Kontakte.

Tanja Hock: "Immer wieder hörten wir, dass Säuglinge im Müll gefunden werden. Das hat unser Herz bewegt und wir haben beschlossen, uns um die vielen obdachlosen Frauen zu kümmern, die abends mit ihren Kindern in den Geschäftseingängen in der Innenstadt von Antananarivo ihr Nachtlager aufschlagen."

Die Frauen sollen so unterstützt werden, damit sie ihre Babys entweder behalten können oder einen guten Weg finden, sie in sichere Hände zu geben.

Ursprünglich sei geplant gewesen, ein Zentrum zu schaffen, in dem Frauen ambulant und stationär betreut werden können. "Ein Dach über dem Kopf, Menschen, die sich um sie kümmern, eine Chance, etwas zu lernen, damit sie ihr Leben später selbst bestreiten können."

Die politische Krise nach dem putschähnlichen Umsturz im März 2009 habe jedoch die Pläne verändert. "Wir starteten mobil." In Deutschland wurde 2009 das Postbank-Mobil gekauft, ein befreundeter Verein spendete die medizinische Ausstattung.

Gemeinsam mit einer Hebamme und einem Arzt aus Madagaskar betreut Tanja Hock schwangere Frauen. "Sobald die Dämmerung einsetzt und die Geschäfte schließen, starten wir, um dreimal die Woche an festen Standorten oft bis kurz vor Mitternacht jene Frauen aufzusuchen, die dann ihr Nachtquartier aufschlagen."

Es werden auch Männer behandelt. "Wir sollen uns ja keine Feinde schaffen bei der nicht ungefährlichen Arbeit. Unsere Klientel ist schon sehr heftig."

Seit Beginn im Oktober 2009 sei die Zahl der Patienten enorm angestiegen. "Wir geben kostenlos Vitamintabletten und Medikamente aus, jedoch nur so viel, dass es nicht interessant ist, diese weiterzuverkaufen, aber doch genug, um zu helfen." Die Armut und die Zahl der Obdachlosen sei durch die politische und die damit verbundene wirtschaftliche Krise sprunghaft in die Höhe geschnellt.

Neben der medizinischen Betreuung während der Schwangerschaft sollen Frauen auch weitergebildet werden: Familienplanung, Hygiene und die Suche nach Möglichkeiten, der Obdachlosigkeit zu entfliehen.

Auf die erste Geburt in der fahrbaren Klinik warten Tanja Hock und ihr Team noch. "Da wir in erster Linie Vorsorge leisten und aufklären, ist es natürlich Zufall, dass gerade an dem Abend, an dem wir tätig sind, ein Kind zur Welt kommt."

Rund 2000 Euro sind pro Monat erforderlich, um die Arbeit, die ausgeweitet werden soll, aufrechtzuerhalten. Freunde, Familienangehörige und regelmäßige Spender tragen zur Finanzierung bei. Im Sommer soll es zum Thema auch eine Vortragsreise nach Deutschland geben. (dpa)

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