Ärzte Zeitung, 25.05.2011

Legt die Vulkanasche wieder Flughäfen lahm?

Wieder spuckt ein isländischer Vulkan Asche, wieder gibt es Angst vor einem Flugchaos. Betroffen ist dabei auch das Champions League-Endspiel und der G8-Gipfel.

Legt die Vulkanasche wieder Flughäfen lahm?

Die farbliche Kennzeichnung im Drei-Zonen-Modell entspricht einer Aschekonzentration von weniger als 0,2 (hellblau), bis 2 (grau) und mehr als 2 Milligramm Asche pro Kubikmeter Luft.

© dpa

BERLIN/BRÜSSEL (dpa). Und plötzlich war die Kanzlerin in Bozen. Als Angela Merkel im April 2010 auf der Rückreise aus den USA von der Asche des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull überrascht wurde, begann für sie eine Odyssee durch Europa.

Nach der Zwangslandung in Portugal ging es nach Rom, von dort per Bus nach Bozen und dann per Limousine nach Berlin. Delegationsmitgliedern, die wegen der Odyssee Konfirmation oder Kommunion ihrer Kinder verpassten, gab die Kanzlerin persönlich signierte Autogrammkarten mit.

Eigentlich sollte sich so ein Chaos mit tagelangen Flugverboten und Milliardeneinbußen für die Fluggesellschaften nicht wiederholen, doch nun zeigt sich: Es gibt kaum ein menschliches Mittel, der Macht der Natur zu trotzen. Prominentes Opfer der Ascheeruption aus dem nun ausgebrochenen isländischen Vulkan Grímsvötn waren am Montagabend Barack und Michelle Obama.

Der US-Präsident und seine Frau mussten vorzeitig von Irland nach London abreisen, um der Wolke zu entgehen. Mit bangem Blick sehen die Staatenlenker nun dem G8-Gipfel im französischen Deauville entgegen, der am Donnerstag beginnt.

Wenn der Ausbruch so weitergeht, könnte die Asche nach Angaben der Europäischen Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol am Donnerstag den Westen Frankreichs und den Norden Spaniens erreichen, in Schottland und Großbritannien mussten bereits erste Flüge gestrichen werden.

Auf EU-Ebene ist es auch ein Jahr nach dem großen Chaos noch nicht gelungen, sich auf einen Grenzwert zu einigen, ab wann Flüge verboten sind. Für Deutschland hat Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) einen Grenzwert von 2 Milligramm Aschebelastung pro Kubikmeter Luft festgelegt. Dann darf nicht mehr geflogen werden - es sei denn Triebwerk- und Flugzeughersteller geben dafür ausdrücklich grünes Licht.

Die Kritik geht Richtung Brüssel. "Wir brauchen nach wie vor internationale einheitliche und verbindliche Grenzwerte und ein europaweit harmonisiertes Krisenmanagement, für den Fall, dass ein Verkehrsträger erneut komplett ausfällt", sagt Ramsauer. Hier sei seitens der EU-Kommission bisher zu wenig passiert.

Diesen Vorwurf weist EU-Verkehrskommissar Siim Kallas zurück: "Die Festlegung eines einzigen Grenzwertes ist äußerst problematisch, weil die Beschaffenheit der Asche unterschiedlich ist und jede Aschewolkenkrise anders verlaufen kann."

Für Verärgerung sorgt bei den Politikern auch, dass nach wie vor keine wirklich fundierten Erkenntnisse der Triebwerkshersteller darüber vorliegen, wie viel Asche ihr Motor verträgt. Minister Ramsauer verlangt, dass dazu auf dem nächsten EU-Verkehrsministerrat im Juni ein umfassender Bericht vorgelegt wird. Doch bis dahin kann die Politik zunächst nur auf gute Windverhältnisse hoffen.

Um ein Chaos wie vergangenes Jahr zu vermeiden, will der spanische Fußballmeister FC Barcelona seine Anreise zum Finale der Champions League gegen Manchester United vorziehen. Die Katalanen wollen nach Medienberichten am Dienstagabend oder am Mittwoch nach London fliegen. Vergangenes Jahr mussten sie mit einem Bus von Barcelona zum Halbfinale nach Mailand fahren. Wie die Barca-Fans nach London kommen, ist noch nicht klar.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) und die Deutsche Flugsicherung (DFS) haben als Konsequenz aus dem Ausbruch 2010 für einen besseren Datenaustausch gesorgt. Der DWD bezieht umfangreiche Infos aus diversen Quellen, darunter eigene Messungen und Analysen des Londoner Vulkanasche-Zentrums. Die DFS kann nun weit schneller reagieren und die Lage einschätzen, da sie Angaben der DWD-Meteorologen abrufen und sofort in ihren eigenen Systemen darstellen kann.

Auch Eurocontrol betont, dank verbesserter Wetteranalyse- und Messtechniken sowie eines im Sommer 2010 vereinbarten Drei-Zonen Modells laufe diesmal alles ruhiger ab. "Schon jetzt zeigt sich, dass wir das Chaos vom letzten Jahr vermeiden konnten", sagt Eurocontrol-Chef Brian Flynn. "Vor einem Jahr wären jetzt schon die Lufträume über Großbritannien und Irland dicht, diesmal sind es nur einige Flüge, die vorübergehend abgesagt werden."

Denn mit dem Drei-Zonen-Modell müssen Flugzeuge nur noch den gefährlichen Kernbereich mit vielen Aschepartikeln vermeiden. Dagegen ist das Fliegen in Bereichen mit geringer Asche-Konzentration erlaubt. Die Experten schätzen, dass bei einem Ausbruch wie 2010 nur noch etwa 60 Prozent des damals gesperrten Gebiets für den Flugverkehr dichtgemacht werden müssten.

Dieser Kernbereich könnte aber pünktlich zum G8-Gipfel in Frankreich liegen, angesichts des immensen Zeitdrucks bei der Atomentscheidung dürfte Kanzlerin Merkel derzeit wenig Lust verspüren auf eine neuerliche kraftraubende Autofahrt durch Europa.

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