Ärzte Zeitung, 16.07.2011

Sexy Stimme - was da wohl noch passiert?

Wer mag das wirklich glauben: Menschen mit einer attraktiven Stimme haben häufiger Sex und gehen im Vergleich zu Menschen mit weniger attraktiven Stimmen auch häufiger fremd - das ist zumindest das Ergebnis wissenschaftlicher Studien. Die menschliche Stimme und der Sex - ein Thema, das nicht nur Forscher- Phantasien beflügelt.

Von Christoph Fuhr

Sexy Stimme - was da wohl noch passiert?

Wann ist eine Stimme attraktiv, und was kann mit dieser Stimme bewirkt werden?

© Yuri Arcurs, ruf photography, Geesfrosh / fotolia.com

Die Sendung heißt "Herzblatt", sie hatte in der ARD über viele Jahre Kultstatus und funktioniert so: Eine Frau (oder auch ein Mann) stellt - nicht ganz ernst gemeinte - Fragen an drei sympathische Unbekannte, die hinter einer Pappwand sitzen und mehr oder weniger originelle Antworten geben.

Die Frau entscheidet sich am Ende unter den drei Männern für ihren Favoriten. Danach folgt ein vom Sender arrangiertes gemeinsames Date, um sich näher kennenzulernen. Die Frau verlässt sich bei ihrer Kanddiaten-Wahl in der Regel auf ihre Intuition und macht den Klang der Stimme zum Maßstab.

Die Logik: Wer eine sympathische Stimme hat, der muss auch gut aussehen.

Mannsbilder in voller Pracht

Ein ums andere Mal hat man am Ende der über viele Jahre laufenden Show attraktive Fragestellerinnen gesehen, die mühsam um ihre Contenance bemüht waren, als die von ihnen ausgewählten vermeintlich gut aussehenden Mannsbilder dann in voller Pracht hinter dem Vorhang auftauchten.

Auch der letzte Zuschauer kapierte: Es ist nicht möglich, die Attraktivität eines Menschen anhand seiner Stimme zu erkennen.

Wann haben Frauen schöne Stimmen?

Gibt es Zeiten, in denen Frauenstimmen besonders attraktiv klingen? Eine Frage, der Forscher der State University of New York in Albany (USA) nachgegangen sind. Ergebnis: Besonders schön sind Frauenstimmen an den Tagen ihrer größten Fruchtbarkeit.

Wie "New Scientist" berichtet, haben die Wissenschaftler Nathan Pipitone und Gordon Gallup Frauen zu verschiedenen Zeiten ihres Zyklus von eins bis zehn zählen lassen. Dabei sind die Stimmen aufgezeichnet worden.

Im zweiten Teil des Tests wurde die Aufzeichnung männlichen und weiblichen Studenten vorgespielt. Sie sollten die Attraktivität der gesprochenen Worte beurteilen.

Ergebnis: Sowohl die Männer als auch die Frauen empfanden die Stimme auf dem Höhepunkt der Fruchtbarkeit der Sprecherin besonders attraktiv.

Was bedeutet das für den Alltag? Der übergewichtige, ungepflegte kleine Mann im schmuddeligen Jackett kann zum Beispiel am Telefon eine absolut sympathische und sexy Stimme haben. Der gut aussehende Model-Typ hingegen fällt im akustischen Bewertungsraster leicht durch, weil seine Stimme nicht im geringsten darauf hindeutet, dass er optisch sehr viel mehr zu bieten hat.

"Ratings of voice attractiveness predict sexual behavior and body configuration" - so heißt der Titel einer Studie, die die Psychologen Susan M. Hughes, Franco Dispenza und Gordon G. Gallup in der Zeitschrift "Evolution and Human Behavior" 2004 veröffentlicht haben.

149 Versuchspersonen mussten zunächst einen umfangreichen Fragenkatalog abarbeiten und dann wechselseitig auf einer Skala von "sehr unattraktiv" bis "sehr attraktiv" beurteilen, wie anziehend sie Stimmen anderer Menschen in der Studie fanden.

Die auf dieser Basis ausgewerteten Fragen brachten verblüffende Ergebnisse. Teilnehmer mit sexy Stimme hatten ein weitaus ausgeprägteres Sexualleben im Vergleich zu Menschen, deren Stimme eher unattraktiv eingeschätzt wurde. Sie hatten darüber hinaus in jüngeren Jahren ihren ersten Geschlechtsverkehr, deutlich mehr Sexualpartner und lagen trotz fester Beziehung auch bei der Zahl der Seitensprünge vorn.

Der Psychologe Gordon Gallup von der New York University ließ hinterher keinen Zweifel: "Es gibt eine Korrelation zwischen einer attraktiven Stimme und Promiskuität - und das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen", sagte er.

Die Stimmlage dient als Warnsignal

Die kanadische Psychologin Jillian O'Connor ist Initiatorin einer erst vor kurzem veröffentlichten Studie, die mit einer anderen Fragestellung an dieses Thema heranging. Kann man die Stimmlage eines Menschen in Beziehung zu seiner vermeintlichen Bereitschaft zur Untreue setzen?

Ihre Erkenntnis: Bei der Partnerwahl nutzen Frauen und Männer unbewusst die Stimmlage als mögliches Warnsignal für spätere Untreue. "Je attraktiver eine Stimme - bei Frauen eine höhere, bei Männern eine tiefere Lage - desto wahrscheinlicher wird die Bereitschaft zum Seitensprung eingeschätzt", erläuterte O'Connor in einer Studie, die in der US-Zeitschrift "Evolutionary Psychology" veröffentlicht wurde.

Untreue kann zu einem Verlust der Familienstrukturen führen, emotional belasten und auch finanziell negative Folgen haben - deshalb werde bei den potenziellen Partnern offenbar ein Schutzreflex ausgelöst, glaubt O‘Connor.

Fremdgehen hin, fremdgehen her - eine Studie der Ethnologin Coren Apicella von der Harvard University kommt mit Blick auf die Stimmhöhe der Männer zu anderen Erkenntnissen. Danach finden Frauen tiefe Stimmen besonders sexy.

Der Grund: Je tiefer ein Mann spricht, desto mehr Nachkommen hat er, wie eine Untersuchung beim Stammesvolk der Hadza in Tansania ergeben hat.

Hadza-Männer mit einer tieferen Stimme haben durchschnittlich 0,5 Kinder mehr als Altersgenossen mit höherer Stimmlage. Begründung der Forscher: Der Klang der Stimme hängt entscheidend vom Testosteron ab. Eine tiefe Stimme - ausgelöst durch ein hohes Maß an Testosteron - ist für Frauen Indiz auf besonders große Fruchtbarkeit.

Männer, die mit tiefer Stimme sprechen, sind daher besser für die Zeugung gemeinsamer Kinder geeignet.

Die Frankfurter Phonetikerin Vivien Zuta hingegen kann nicht bestätigen, dass sexy Männerstimmen zwingend tief sein müssen. Entscheidend sei nicht die Tiefe, sondern vielmehr die Sprachmelodie und Geschwindigkeit, wie ihre Untersuchungen ergeben haben.

Die Stimme muss souverän klingen, in der individuellen Tonlage und in einem angemessenen Tempo. Zu viele Verzögerungslaute ("ääh", "emm") verschlechtern die Performance.

"Relaxte Sinnlichkeit von tief innen"

Auch beim Publikum stößt das Thema Stimme im Übrigen auf großes Interesse. In einschlägigen Foren werden zuweilen auch Stimmen von Prominenten gewürdigt, selbst eine frühere SPD-Bundesjustizministerin hat hier ihre Fans: "Leute, ich krieg mich nicht mehr ein, wenn ich im Radio die Stimme von Brigitte Zypries höre", schreibt ein emotional beeindruckter User.

"Da geht's mir durch und durch und ich denke: Mann, so eine relaxte Sinnlichkeit von tief innen…"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Resistente Keime bedrohen Fortschritte aus Jahrzehnten

Jeder vierte Todesfall durch Antibiotika-resistente Keime weltweit wird durch Tuberkulose (TB) bedingt. Um die Situation zu verbessern, reichen neue Arzneien aber nicht aus, betonen TB-Experten. mehr »

Regelmäßiges Frühstück ist offenbar gut fürs Herz

Wer regelmäßig frühstückt, beugt damit offenbar kardiovaskulären Erkrankungen vor, berichtet die American Heart Association (AHA). mehr »

Sperma-Check per Smartphone-App

Millionen von Paaren weltweit wollen ein Kind, doch es klappt nicht. Die Ursachen liegen in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Ein einfacher Test könnte Männern künftig die Untersuchung ihres Spermas erleichtern. mehr »