Ärzte Zeitung für Neurologen/Psychiater, 01.08.2011

Frauen ticken einfach anders als Männer

Männer können meist weniger gut mit anderen Menschen mitfühlen als Frauen, sie haben aber ein weitaus ausgeprägteres Bedürfnis auf Rache. Es gibt viele Verhaltens-Unterschiede zwischen Mann und Frau, und noch längst nicht alle sind vollständig erforscht.

Von Annette Kaltwasser

Frauen ticken einfach anders als Männer

Konflikte programmiert, weil sie in vielen Bereichen des Lebens völlig unterschiedlich gepolt sind: Mann und Frau.

© Comstock Images / Getty Images

WIESBADEN. "Das männliche Gehirn ist größer und etwa 100 Gramm schwerer als das weibliche: Als Studentin musste ich mir ständig anhören, dass dies ganz erhebliche Auswirkungen hat," erinnert sich Professor Annette Grüters-Kieslich.

Ein größeres und schwereres Gehirn - ist das womöglich ein Indiz für höhere Intelligenz? So hätten es sich die männlichen Kommilitonen von einst vielleicht gewünscht.

Aber die Auswirkungen auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede sind ganz anders, erläuterte Grüters-Kieslich, die Professorin für Pädiatrische Endokrinologie und Dekanin der Berliner Charité ist.

"Gehirn, Hormone und Verhalten", so lautete das Thema einer Veranstaltung, die beim Internistenkongress in Wiesbaden auf großes Interesse stieß.

Die kognitive Empathie, also das Verstehen der Gefühle und Gedanken einer Person in einer bestimmten Situation, ist ein wesentliches Merkmal der sozialen Kompetenz von Frauen, "das ist belegbar", sagte Grüters-Kieslich. Allerdings verändert sich diese Empathiefähigkeit unter dem Einfluss von Testosteron .

Sind Ring- und Zeigefinger gleich lang?

Ist der Ringfinger so lang wie der Zeigefinger? Das spricht für eine hohe fetale Androgenexposition und somit für eine eher männliche Prägung des zentralen Nervensystems, erläuterte die Endokrinologin.

Gerade bei den Probandinnen mit gleicher Länge des Zeige- und Ringfingers, zeigt sich unter Testosteroneinfluss eine signifikante Abnahme der kognitiven Empathie.

"Wir wissen, dass das pränatale hormonelle Milieu im Uterus eine entscheidende Rolle für das spätere geschlechtsspezifische Verhalten spielt", und zwar für das Sexual-, Aggressions- und Spielverhalten, aber auch für Problemlösungsstrategien", so die Dekanin weiter.

Zwischen Mann und Frau gibt es darüber hinaus natürlich viele weitere Unterschiede: Mädchen zum Beispiel haben ein signifikant größeres Vokabular als Jungen, und zwar korreliert mit dem fetalen Testosteronspiegel. Je niedriger er ist, desto größer das Vokabular der untersuchten Mädchen, berichtete Grüters-Kieslich.

Nicht Testosteron führt zu einem männlichen Sexualverhalten, sondern Östradiol. Testosteron wird durch Aromatase in den ZNS-Zielzellen in Östradiol umgewandelt. Hemmt man dieses Enzym, so bleibt das männliche Sexualverhalten aus.

Besser lernen dank weiblicher Hormone?

Dass Männer und Frauen völlig unterschiedlich gepolt sind, das konnte bei der Veranstaltung auch Professor Christian Elger, Neurologe an der Universität Bonn, bestätigen. Ist es etwa wahr, dass Frauen schlecht einparken können und Schuhe horten?

Der Rückblick in alte Zeiten liefert ein Erklärungsmodell: Grundlage ist die Erziehung des Homo sapiens zum Jäger mit einem Aktionsradius von etwa drei Tagesmärschen, während Frauen eher Sammlereigenschaften entwickelt haben und sich "nah am heimischen Herd aufhielten", erklärte Elger.

Keine Frage, "Männer können sich besser orientieren". Und was haben Frauen den Männern voraus? Ihre Lernleistungen sind besser, "wahrscheinlich ein hormoneller Unterschied" nimmt Elger an.

Das führt aber nicht zwangsläufig zum suffizienteren Abspeichern und Abrufen, was für die komplexe Funktion der Gedächtnisleistung erforderlich ist. Diese ist bei beiden Geschlechtern gleich.

Von links nach rechts: Weibliche Flexibilität im Gehirn

Frauen haben darüber hinaus eine permanente Plastizität der Sprache, sie transferieren Sprache auf die andere Hemisphäre, berichtete der Neurologe weiter.

"Wir sehen bei linkshemisphärischen Schlaganfällen, dass Frauen Sprache und Sprachgedächtnis in der Regel leistungsfähiger wiederbekommen als Männer."

Gute Beispiele für geschlechtsspezifische Unterschiede liefern nach Aussagen von Elger auch verhaltenspsychologische Untersuchungen.

Vergleicht man die Reaktionen beider Geschlechter im Abgabespiel, bei dem ein Stromstoß als Reaktion auf unfaires Verhalten des Mitspielers (altruistische Bestrafung) abgegeben wird, zeigen sich Frauen empathischer, was in der funktionellen Kernspintomographie über eine Aktivitätszunahme im mittleren Frontalhirn deutlich wird.

"Ihre Stromstöße fallen wesentlich schwächer aus als bei Männern." Die kennen keine Gnade, gehen noch einen Schritt weiter und haben sogar "extreme Lust auf Rache", resümierte Elger.

Testosteronspiegel höher - dann wird härter bestraft

Betrachtet man das Experiment mit Blick auf den Einfluss von Testosteron, so wird klar: "Männer sind umso großzügiger bei einem Abgabespiel, je niedriger der Testosteronspiegel ist." Umgedreht ist das Strafmaß bei unfairem Verhalten des Gegenübers um so stärker, wenn der Testosteronspiegel entsprechend höher ist.

Was passiert, wenn die geschlechtsspezifischen Rollen nicht mehr klar definiert sind hat übrigens Dr. med. Maria Furtwängler, Ärztin und Schauspielerin, erlebt, die als Gast zur Veranstaltung über Verhaltensunterschiede zwischen Mann und Frau nach Wiesbaden angereist war.

Sie berichtete über ein ganz spezielles Erlebnis: Am Frankfurter Flughafen hatte sie den früheren Chef der KV Bayerns Dr. Axel Munte getroffen und wollte mit ihm zum Ausgang gehen.

"Ich in meiner Rolle ganz Weibchen hab‘ mich darauf verlassen, dass Mann schon weiß, wo es raus geht. Er hat sich wohl gedacht ,ganz patente Frau, die wird schon wissen, wo's lang geht‘", vermutet Furtwängler. Dann sind beide einander gefolgt, "etwa zehn Minuten, und zwar in die falsche Richtung"...

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