Ärzte Zeitung, 12.09.2011

Hat das Auto als Statussymbol ausgedient?

Mensch und Auto - jahrzehntelang war diese Bindung in Deutschland so innig wie in keinem anderen Land. Doch die Macht des Statussymbols bröckelt.

Von Annett Klimpel

Hat das Auto als Statussymbol ausgedient?

Autos, soweit das Auge reicht, auf dem Autoterminal der Bremer Logistic Group. Dass die Nachfrage so stark bleibt, bezweifeln Experten.

© Wagner / dpa

BERLIN. Das wichtigste Statussymbol überhaupt hat vier Räder und viele PS. Das zumindest galt hierzulande lange Zeit. "Die Menschen und das Automobil, das ist hier so tief ineinander verankert wie nirgends auf der Welt", sagt Peter Kruse vom Beratungsunternehmen Nextpractice in Bremen.

Autos heutzutage austauschbar wie ein Kühlschrank

Doch ausgerechnet in Deutschland fehlt es dem Image von Autos immer mehr an Glanz.

 "Das Auto scheint für viele Menschen so ein austauschbares Produkt zu werden wie der Kühlschrank", sagt Wirtschaftswissenschaftler Alfred Kuß von der FU Berlin. "Mit einem Porsche kann man doch niemanden mehr beeindrucken, zumindest in den meisten Milieus."

Hat das Auto als Statussymbol ausgedient?

Liebesobjekt Auto? Für junge Leute nur noch wenig interessant.

© Heyder / dpa

Die Verkaufszahlen zeigen: Vor allem jüngere Menschen greifen gern zum statusneutralen, soliden Kleinwagen - oder verzichten gleich ganz auf ein eigenes Auto.

"Die Mittelklasse ist die neue Oberklasse", sagt Kruse. "Status ist im Bereich Auto kein gewollter Wert mehr."

Bei den Kleinwagen gebe es einen wachsenden Premium-Bereich - dort ende der Ehrgeiz vieler potenzieller Käufer.

Parallel zur Verliebtheit der Verzicht

Es werde immer Menschen geben, für die das Auto ein Fetisch sei, sagt Andreas Pogoda von der Brandmeyer Markenberatung in Hamburg. "Wir leben im Epizentrum der Autoverliebtheit."

Doch daneben entstehe seit 10, 15 Jahren Überraschendes: "So eine gewisse Gewinn-aus-Verzicht-Mentalität. Die Möglichkeit, bewusst nicht mitzumachen, bewusst kein Auto zu kaufen".

Er sehe dies als andauernde Entwicklung. "Das System Auto muss aufpassen, dass die Anzahl der Verweigerer nicht immer mehr wächst."

Beim Autokauf sind keine Emotionen mehr im Spiel

Dem "liebsten Kind" vieler Deutscher wurde in den vergangenen Jahren vor allem eines entzogen: die Liebe. Das Fahren im eigenen Auto sei für viele Jugendliche nicht mehr das Größte, auf neue Modelle werde nicht mehr hingefiebert, Auto-Kartenspiele seien nicht mehr das Nonplusultra für Jungs, sagt Kruse.

Immer öfter seien beim Kauf eines Autos kaum mehr Emotionen im Spiel. Befragungen zeigten: "Mit einem geilen Badezimmer macht man oft mehr Furore als mit dem Auto".

Doch gerade die Emotionen sind es, die Gewinne sprudeln lassen. "Man muss verliebt sein, um etwas auf Pump zu kaufen", sagt Kruse. "Wenn etwas emotional besetzt ist, guck‘ ich nicht aufs Geld", betont auch Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research der niversität Duisburg-Essen.

Auto verliert Statussymbol

Dies gelte bei vielen Menschen für den Urlaub, aber auch für Kleidung oder gesunde Lebensmittel. Das Auto dagegen verliere im Reigen der Statussymbole an Glanz. Einige Firmen versuchten mit "erinnernder Werbung", die Emotionen wieder aufleben zu lassen - nach dem Motto "War's nicht früher schön, und immer mit DER Automarke", so Kruse. "Das reicht aber nicht."

Der Wagen vorm Haus zum funktionalen Zweckgegenstand degradiert wie Toaster oder Waschmaschine - wie konnte das passieren? "Es sind einfach mehr emotionale Dinge auf dem Markt heute", sagt Dudenhöffer. "Der Wettbewerber ist nicht nur ein anderer Autohersteller, sondern auch der Urlaubsanbieter und der Golfplatz."

Hersteller tragen Mitschuld am Image

Einig sind sich die Experten, dass die Hersteller Mitschuld tragen am angekratzten Image. "Wenn Leute heute an Innovationen denken, denken sie an ökologische Innovationen", sagt Kruse. Die Autofirmen hätten sich für die Gedankenwelt ihrer Kundschaft viel zu wenig interessiert - und wenig Neues in punkto Nachhaltigkeit präsentiert.

Klimaschutz sei ein wichtiges Thema, sagt auch Dudenhöffer. "Immer nur weiter auf mehr PS zu setzen, ist ein Risiko für die Autohersteller." Gerade in diesem Bereich habe sich - "beschämend" in einem Land der Erfinder und Erfindungen - wenig getan, sagt Pogoda.

Stoßfedern aus leichtem Kunststoff statt aus Metall, nützliche Geräte - all das habe kaum oder um Jahre zu spät Eingang gefunden.

Ingenieure haben Scheuklappen

Die Chance, mit revolutionären Ideen weiter Emotionalität aufzubauen, sei vertan, die Gefahr wachse, für das Verharren auf dem Gestrigen "sozial geächtet" zu werden, sagt Dudenhöffer. "Die Ingenieure sind großgeworden mit Verbrennungsmotoren, sie haben Scheuklappen für Alternativen."

Das "System Auto" schwächten aber noch andere Faktoren, sagt Pogoda: hohe Benzinpreise, verbesserte Alternativen wie Bahn und Billigflieger, verstopfte Autobahnen, auf denen kaum ein Fortkommen sei. Mit Werbekampagnen allein sei da kaum gegenzusteuern.

"So unverzichtbar machen wie ein Smartphone"

"Die Wirkung von Marketingkampagnen wird deutlich überschätzt", sagt Kuß. Um aus der Krise zu kommen, müssten Autohersteller Pogoda zufolge vor allem drei Dinge tun: "nachhaltige Motoren mit weniger Emissionen bauen, politisch auf den Straßenbau einwirken, Autos mit Innovationen für junge Menschen so unverzichtbar machen wie ein Smartphone".

So oder so wird es neue Firmen geben, neue Ideen. Einem weltweit operierenden Carsharing-Anbieter etwa rechnet Kruse beste Erfolgsaussichten aus. Pogoda allerdings sieht im Engagement der Autofirmen in diesem Bereich vorerst nur "evolutive Suchbewegungen".

Einigkeit herrscht dagegen beim Elektro-Bike, dem nicht nur Kruse große Chancen bescheinigt. "Mich verblüfft das, weil Motorroller sich hierzulande nicht so etabliert haben, aber: Elektro-Räder verkaufen sich in der Tat", sagt Pogoda. "Wenn ein Banker mit dem Elektro-Rad zur Börse fährt - das wertet natürlich die "Auto - nein danke!"-Entwicklung noch auf." (dpa)

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[13.09.2011, 11:12:05]
Dr. Horst Grünwoldt 
Autofahrer-Gesellschaft
Gut 20 Jahre nach der deutschen Einheit sind auch die östlichen Bundesländer in den Städten völlig übermotorisiert. Die Jugend hält es nach wie vor für erstrebenswert, möglichst schon mit 17 den Führerschein zu machen, um dann bald darauf mit dem eigenen vierrädrigen Untersatz "mobil" zu sein.
Für die Anschaffung und den Unterhalt des eigenen Autos gibt der Deutsche heute schon regelmäßig etwa die Miete einer Zweitwohnung aus. Ist es das wirklich wert, wenn schon für die Verbindung des Fahrrads mit dem öffentlichen Verkehr in Bussen und Bahnen -zumindest im stadtnahen Bereich- eine höhere Mobiliät mit großer finanzieller Ersparnis, gesundheitsfördernder Bewegung und zeitlichem Gewinn erreicht werden kann?
Hat jemals ein Ökonom oder Gesundheitsexperte ausgerechnet, welcher materielle Verlust und nervliche Verschleiß an "Humankapital" im alltäglichen, individuellen Auto-Stau-Berufsverkehr alleine in D stattfindet?
Vater Staat hält sich da natürlich halbherzig zurück; schließlich ist der Autohalter und -fahrer bisher der beste steuerzahlende Massen-Konsument.
Es hängt leider in Deutschland bis heute volkswirtschaftlich und fiskalisch gesehen viel zu viel dran am Fetisch Auto. Da haben auch die "Grünen" immer noch keine Umkehr bewirkt.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt aus Rostock zum Beitrag »

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