Ärzte Zeitung, 17.09.2011

Wann ist ein Mann eigentlich ein Mann?

Der Musiker Herbert Grönemeyer stellte die Frage nach der Identität schon in den 80er Jahren. Sie scheint aktueller denn je. Die Männerforschung versucht sich an Antworten.

Von Angela Mißlbeck

Wann ist ein Mann eigentlich ein Mann?

© [M] Getty Images / photos.com

Da steht er. Nichts kann ihn umhauen. Durchtrainiert von den Knöcheln bis zum Hals, hochgewachsen, mit breiten Schultern, kantigem Kinn, markanter Nase, buschigen Brauen, schmalen Lippen und kleinen Augen - ein Bild von einem Mann!

Männer mit niedrigem Testosteronspiegel sterben wohl früher

EIN Bild von einem Mann. Gern gezeigt in der Werbung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Gleichermaßen geeignet, um männliches wie weibliches Publikum zu interessieren. Denn er trägt alle Attribute eines maskulinen Körpers.

So ein Männerkörper entsteht, wenn viel Testosteron am Werk ist. Das Männlichkeits-Hormon schlechthin ist unter anderem verantwortlich für den Muskelaufbau, eine tiefe Stimmlage, für Lust und Lebenslust - und für die Gesundheit.

So hat die Uni Greifswald in einer Studie in Kooperation mit polnischen Wissenschaftlern bei 2000 Männern zwischen 20 und 79 Jahren beobachtet, dass diejenigen mit einem niedrigen Testosteronspiegel früher sterben.

Ein echter Kerl strahlt Gesundheit aus

Unklar blieb allerdings, ob der Hormonspiegel Ursache oder nur Biomarker für die frühere Sterblichkeit ist.

Ein hoher Testosteronspiegel scheint im übrigen vor entzündlichen Erkrankungen und Allergien zu bewahren, beobachteten Pharmazeuten der Universität Jena in einer Labor-Studie.

Ein "echter Kerl" strahlt also Gesundheit aus. Das erkennen Frauen scheinbar instinktiv. Jedenfalls zeigte eine große multinationale Studie der Universität Aberdeen, dass Frauen in Ländern mit hohen Gesundheitsrisiken eher Partner mit maskulinem Körperbau und Gesichtszügen wählen.

 Durchsetzungsstärke, Aggressivität, Ehrgeiz und Härte

In Ländern mit guten Gesundheitschancen machten dagegen die weniger maskulinen Typen das Rennen. Denn bei ausgeprägten maskulinen Zügen schließen Frauen auf dominantes Verhalten und mangelnde persönliche Fürsorge, wie US-Psychologen schon 2007 herausfanden.

Wann ist ein Mann eigentlich ein Mann?

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Das Männlichkeitshormon Testosteron wird immer wieder mit bestimmten Verhaltensweisen in Verbindung gebracht. Durchsetzungsstärke, Aggressivität, Ehrgeiz, Härte sind nur einige Stichworte. So verstandene Männlichkeit schadet der Gesundheit jedoch eher.

Das hat der Soziologe Michael Zwick gezeigt. Er verweist auf die kürzere Lebenserwartung von Männern, auf ihr riskanteres Verhalten in Freizeit, Sport, Verkehr und beim Konsum von Suchtmitteln. Darüber hinaus bemerkenswert ist die Dominanz in der Kriminalitätsstatistik oder die Todesrate durch Verletzungen.

Alltagstaugliche Konzepte eine authentische Identität zu entwickeln

"Allein das Eingeständnis, dass man zur Problemlösung fremder Hilfe bedarf, kann für Männer zum Problem werden", so Zwick ("Männlichkeit als Risiko"). Schuld daran sind aus seiner Sicht unter anderem die coolen Typen aus den Medien.

"Was fehlt, sind realistische, alltagstaugliche Konzepte, die es Männern gestatten, eine authentische, sozialverträgliche Identität zu entwickeln und zu leben, ohne den verkürzten und klischeehaften Trends vom richtigen Mann auf den Leim zu gehen", beklagte Zwick noch 2003.

Eines hat sich inzwischen verändert: Männer haben die Wahl zwischen verschiedenen Lebensentwürfen. Macho oder Softie? Oder die beliebte Kombination "harte Schale, weicher Kern"? "Die Möglichkeiten ein Männerleben differenziert zu leben, sind vielfältiger geworden", sagt der Politikwissenschaftler und Männerforscher Dr. Peter Döge.

Zumindest in der akademisch gebildeten Mittelschicht Westeuropas kann sich heute beinahe jeder beliebig aus einem bunten Potpourri von Männertypen bedienen. Döge verweist aber auch darauf, dass sich zwar die Formen der Männerbilder geändert hätten, die Inhalte aber kaum. "Es gibt nach wie vor eine enge Verknüpfung von Stärke und Männlichkeit", sagt er.

Das Vaterbild hat sich verändert

Dominanzgebaren stellt er beim Manager ebenso fest wie beim Muskelmann. Und der Lonesome Cowboy sitzt heute einsam vor seinem Computer statt auf dem Pferderücken. "Fundamental verändert hat sich in den letzten 30 Jahren aber das Väterbild", sagt Döge. Als Väter wollen Männer heutzutage nicht nur Ernährer, sondern auch Erzieher sein, meint der Männerforscher.

Erfolgreicher Manager, kerniger Liebhaber, kommunikationsstarker Frauenversteher, liebevoller Vater - wie kriegen Männer das heutzutage alles unter einen Hut? Die Lösung präsentiert sich mit einem breiten Lachen.

"Ich komme auch weiter, wenn ich nicht die Welt rette"

"Lustige Loser" nennt Dr. Reinhard Winter vom Sozialwissenschaftlichen Institut Tübingen Männertypen wie Homer Simpson oder Spongebob. Diese Typen kommen bei pubertierenden Jungs besonders gut an, wie Winter in einer Studie festgestellt hat. "Die Botschaft der Lustigen Loser ist: Ich komme auch weiter, wenn ich nicht die Welt rette", sagt der Pädagoge.

Flexibilität ist also nicht nur im Beruf, sondern auch in Sachen Rollenverhalten das Zauberwort schlechthin. Just diese recht neu gewonnene Flexibilität sieht Winter allerdings bereits wieder in Gefahr. "Angesichts der sich verschärfenden gesellschaftlichen Bedingungen liegt die Retraditionalisierung der Männerrollen geradezu in der Luft."

Härtere wirtschaftliche Rahmenbedingungen rücken Winter zufolge die Frage nach beruflichem Erfolg in den Vordergrund. Und auf diesem Feld haben die traditionellen Werte Dominanz und (Durchsetzungs-)Stärke bis heute hohe Geltung.

Ein Potpourri unterschiedlichster Männertypen

Zumindest in der akademisch gebildeten Mittelschicht Westeuropas kann sich heute beinahe jeder beliebig aus einem bunten Potpourri von unterschiedlichsten Männertypen bedienen, sagt der Politikwissenschaftler und Männerforscher Dr. Peter Döge.

Er weist darauf hin, dass sich im Lauf der Jahre zwar die Formen der Männerbilder geändert hätten, die Inhalte aber kaum. "Es gibt nach wie vor eine enge Verknüpfung von Stärke und Männlichkeit", sagt er.

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