Ärzte Zeitung, 22.11.2011

Schmerzen am Herzen kennt Mister K nicht

Beratungsgespräche mit Patienten und ihren Angehörigen oder das Legen von Kathetern: Im neuen Zentrum für medizinische Lehre in Marburg lernen die Studenten Fertigkeiten für den Mediziner-Alltag - sei es in Simulationen im "Klinikzimmer" oder in der "Notaufnahme".

Von Gesa Coordes

Schmerzen am Herzen kennt Mister K nicht

Studentin Helena Wiechens untersucht "Mister K": Den Herzklappenfehler der Plastikpuppe erkennt die Marburger Studentin sofort.

© Gesa Coordes

MARBURG. "Mister K" hat einen Herzklappenfehler. Die 23-jährige Helena Wiechens erkennt dies auf Anhieb, während sie den Brustkorb des Plastikmanns mit dem Stethoskop abhört.

Schließlich ist sie eine der 38 Tutoren bei Maris, dem Marburger Trainingszentrum zum Einüben ärztlicher Fertigkeiten.

Dort trainieren die Studierenden in praktischen Kursen und an Modellen wie "Mister K".

Zu Semesterbeginn ist Maris, das bislang provisorisch untergebracht war, im Zentrum für medizinische Lehre neu eröffnet worden.

Im Dezember wird es offiziell eingeweiht. Die Dr. Reinfried Pohl-Stiftung hat den sechs Millionen Euro teuren Bau neben dem Universitätsklinikum auf den Lahnbergen finanziert.

Dort gibt es "Klinikzimmer", einen "OP-Saal" und eine "Notaufnahme".

Mehr Praxis in der Ausbildung

"Damit haben Marburger Medizinstudierende in Zukunft erstklassige Möglichkeiten, sich auf ihren späteren Beruf vorzubereiten", sagt Spender Reinfried Pohl. Zugleich ist Platz für eine neue Kindertagesstätte, die sich vor allem an Klinikmitarbeiter richtet.

Das Trainingszentrum ist aus einer Initiative der Fachschaft Medizin entstanden, die mehr Praxis in der Ausbildung wollte. "Bis dahin haben wir viele Fertigkeiten im Studium nur gelernt, wenn jemand Zeit und Lust hatte, sie uns zu zeigen", erklärt Fachschafterin Natalie Schubert.

Das ist seit knapp drei Jahren anders. Tina Stibane und Andrea Schönbauer haben das durch Studiengebühren und Lehrsondermittel finanzierte Zentrum aufgebaut, von dem bereits mehr als 1000 Studierende profitiert haben. "Damit gehört Marburg zu den am besten aufgestellten Universitäten Deutschlands", sagt Stibane.

"Mister L" lässt verschiedene Lungengeräusche hören

Die Studierenden können während der Öffnungszeiten täglich typische Behandlungsabläufe und Fähigkeiten aus dem ärztlichen Alltag trainieren.

"Mister L" zum Beispiel lässt verschiedene Lungengeräusche hören. An einem Arm, in dem Kunstblut fließt, lässt sich das Treffen der Vene ohne Schmerzen für den Patienten üben: "Man sticht dann immer noch manchmal daneben, aber nicht mehr so oft", sagt Tutor Anselm Slizyk.

Simuliert werden auch das Legen von Kathetern, rektale Untersuchungen, Augenuntersuchungen, Bauchspiegelungen und das Wundnähen. "Ein ruhiges Hautstückchen, das weder blutet noch Schmerzen hat, ist natürlich anders als ein echter Patient", sagt Slizyk: "Aber dann hat man zumindest eine Grundsicherheit."

Nicht nur Untersuchungstechniken werden gelehrt, sondern auch Patientengespräche

Mehr Sicherheit sollen auch die praktischen Kurse geben, die für die Studierenden inzwischen vom ersten Semester an verpflichtend und im Lehrplan integriert sind. Darin geht es nicht nur um grundlegende Untersuchungstechniken, sondern auch um die Gespräche mit Patienten und ihren Angehörigen.

Mehr als 50 Simulationspatienten wurden gewonnen, die sich wie Amateurschauspieler auf ihre "Krankenrollen" vorbereiten. Sie "haben" chronische Schmerzen, Depressionen, Schilddrüsenüberfunktionen oder Herzkrankheiten.

In Kleingruppen lernen die Studierenden an ihrem Beispiel, die Krankengeschichten korrekt zu erheben, aufzuklären und zu beraten. Zugleich erfahren sie, ob sie gut auf Patienten eingehen.

"Der Unterricht ist viel praxisbezogener geworden"

Dabei reicht das Spektrum bis zu Menschen, denen die Studierenden die Diagnose von einer Krebserkrankung im Endstadium überbringen müssen. "Schwierige Gesprächssituationen praktisch zu lernen, ist wirklich wichtig", sagt Tina Stibane, Koordinatorin des Zentrums.

Die meisten Studierenden sind heilfroh über die Angebote. "Der Unterricht ist viel praxisbezogener geworden", erklärt Natalie Schubert: "Als ich das erste Mal in der Notaufnahme war, wusste ich dann gleich, was ich zu tun habe."

Die Begegnung mit den echten Patienten am Krankenbett ersetze das natürlich nicht, wissen die Studierenden: "Aber dann kann man die Zeit besser nutzen."

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