Apotheker plus, 16.12.2011

Strahlen für die Gesundheit

Als Marie Curie im Dezember 1898 das radioaktive Schwermetall Radium entdeckte, ahnte sie sicher nicht, welche skurrile medizinische Berühmtheit es zeitweise erlangen würde.

Von Ruth Ney

Ein Leuchten für die Gesundheit

Marie Curie war neben der Röntgenstrahlung vor allem vom Phänomen der radioaktiven Strahlung fasziniert.

© photos.com

Nachdem Antoine-Henri Becquerel (1852-1908) bei der Schwärzung von Fotoplatten mittels Urankaliumsulfat erstmals das Phänomen der radioaktiven Strahlung beobachtet hatte, war auch das Forschungsinteresse von Marie Curie (1867-1934) an diesem Phänomen geweckt.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Pierre untersuchte die Wissenschaftlerin, die sich bereits durch Arbeiten zu Magnetismus einen Namen gemacht hatte, fortan intensiv Strahlungsphänomene. Vor allem der Pechblende, einem besonders uranreichen Erz, galt ihr Interesse, da sie darin neue Elemente zu finden vermutete.

Durch die Aufarbeitung von zwei Eisenbahnwaggons Pechblende erhielt sie Ende des Jahres 1898 schließlich etwa 100 mg Radiumbromid. Das neu entdeckte Element erhielt aufgrund seiner starken Strahlung den Namen Radium (lat.radius, der Strahl). Zudem fanden die Curies als weiteres Element: Polonium.

Boom mit radiumhaltigen Gesundheitsprodukten

Ein Leuchten für die Gesundheit

© conceptw / PantherMedia

Die Strahlung der Radiumverbindung war außergewöhnlich intensiv. Historischen Berichten zufolge demonstrierte es Pierre Curie gerne bei Vorlesungen in abgedunkelten Hörsälen, etwa in Genf und Paris. Das Leuchten von drei Gramm Substanz in einer Schale sei dabei so stark gewesen, dass man damit Zeitung lesen konnte.

Sogar an die Nutzung als Leselampe wurde daher damals gedacht. Einen regelrechten Radiumboom gab es ab 1904, als die Gasglühlichtfabrik Auer von Welsbach in Atzgersdorf bei Wien die industrielle Produktion von Radium und seinen Verbindungen aufnahm.

Läsionen an den Händen, Gliederschmerzen, Müdigkeit und Anämie

Denn diese galten nach der Entdeckung durch die Curies zunächst nicht nur als unbedenklich, sondern sogar als gesundheitsfördernd - und das, obwohl sich bei Marie Curie zu diesem Zeitpunkt schon erste Anzeichen der Strahlenkrankheit zeigten: Läsionen an den Händen, Gliederschmerzen, Müdigkeit und Anämie.

Auch ihr Mann wies bereits 1905 auf die großen gesundheitlichen Risiken beim Umgang mit Radioaktivität hin.

Marie Curie

Ein Leuchten für die Gesundheit

© Zuma / Imago

Marie Curie, geboren als Maria Salomee Sklodowska am 7. November 1867 in Warschau war eine Ausnahme-Wissenschaftlerin. Sie erhielt zunächst 1903 gemeinsam mit Antoine-Henri Becquerel und ihrem Mann Pierre den Nobelpreis für Physik.

Im November 1911 folgte der zweite Nobelpreis - diesmal für Chemie, mit dem ihre Arbeit über die radioaktiven Elemente Polonium und Radium gewürdigt wurde. Sie war damit die erste weibliche Nobelpreisträgerin und ist bis heute die erste Frau, der dieser doppelte Wurf gelang.

Sie gab auch der physikalischen Einheit Curie den Namen. "Ein Curie" entsprach der Aktivität von ein Gramm Radium pro Sekunde. Heute wird Becquerel als Einheit genutzt.

Dennoch fand sich das strahlende Schwermetall, das inzwischen frei erwerbbar war, in der Folgezeit erst einmal in allen möglichen Anwendungen wieder. Die radioaktiven Verbindungen wurden nicht nur in Medikamenten eingesetzt, etwa als Lösungen, die in bösartige Geschwulste eingespritzt wurden.

Es gab auch radiumhaltige Kosmetika, Radiumzwieback, Radiumzigarren, eine Radiumseife und sogar eine Radiumzahnpasta. Radiumbäder wie in St. Joachimsthal oder in Bad Kreuznach versuchten noch bis in die 30er Jahre, sich in ihrer Werbung als Thermalbad mit der stärksten Radiumwirkung zu übertreffen.

Radiumsalze gegen Gicht und Rheuma

Es wurden Trinkkuren mit stark verdünnten wässerigen Lösungen von Radiumsalzen gegen Gicht und Rheuma angeboten. Findige Geschäftsleute boten Geräte an, mit denen sich all jene, die sich keine teuren Kuren leisten konnten, selbst radiumhaltige Gesundheitswässer herstellen konnte.

Ein besonderer Clou: Uhren mit Radium-Leuchtziffern. 1907 produzierte die Firma Junghans die erste Taschenuhr mit einem solchen Zifferblatt. Dazu wurde eine dauerhaft schwach leuchtende Mischung aus Zinksulfid mit Radium genutzt.

Nach dem ersten Weltkrieg eroberte Radium sogar die Kinderzimmer: So enthielten Augen für Stofftiere und Puppen oft Radium. Zudem gab es radiumhaltige Leuchtbildchen für das Schlafzimmer. So manches strahlende Exemplar wird vermutlich zu dieser Zeit auch unter dem Weihnachtsbaum gelegen haben.

Trinkkur mit fatalen Folgen

Erst langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Strahlung gesundheitlich bedenklich ist. So stellte man in den USA bei Arbeiterinnen der Uhrenindustrie das Krankheitsbild des Radiumkiefers fest. Diese hatten den dünnen Pinsel, mit dem sie die radiumhaltige Leuchtfarbe auf die Ziffernblätter aufmalten, häufig mit den Lippen angespitzt.

Bekanntestes Opfer einer Trinkkur mit Radium war der amerikanische Stahlmagnat Eben Byers. Dieser hatte US-Medienberichten zufolge bis 1930 etwa 1400 Flaschen des damals populären Medikaments "Radithor" getrunken.

Die Folge: er verlor einen Teil seines Unterkiefers und es traten schwereGehirnschäden auf. Heute weiß man, dass schon geringste Mengen Radium (ca. 20 Mikrogramm) das Knochenmark schädigen und Knochensarkome auslösen können. Es besitzt aber kaum noch technische Bedeutung. Lediglich der Firmenname eines Leuchtmittelherstellers erinnert noch an die glanzvollen Zeiten.

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