Ärzte Zeitung, 12.01.2012

Das Drama einer ganzen Ärztegeneration

"Was kann der Einzelne noch entscheiden?" Mit dem Film "Drei Patienten" stellt der Arzt und Regisseur Georg Eichhorn Sinnfragen an seine Profession.

Von Thomas Trappe

Das Drama einer ganzen Ärztegeneration

Filmszene aus "Drei Patienten": Durch die Überforderung in Notfallsituationen klammern sich die jungen Ärzte immer öfter blind an Vorschriften.

© Eichhorn

CHEMNITZ. Hinten im Garten des Hauses Eichhorn steht eine vom Urgroßvater gepflanzte Blutbuche, und der Baum ist eine gute Metapher. Knapp 80 Jahre alt ist der Baum und damit fast so alt wie die inzwischen über sieben Generationen reichende Ärztetradition der Chemnitzer Familie Eichhorn.

Würde ein Zweig der Buche querschießen, wäre die Metapher perfekt. Soll doch die Geschichte von Gregor Eichhorn erzählt werden, der seit Kurzem ebenfalls als Arzt arbeitet - viel größeres Aufsehen aber als Regisseur erregt.

Anästhesie-Arzt mit Regie-Ausbildung

Das Drama einer ganzen Ärztegeneration

Georg Eichhorn, Arzt und Regisseur

© Trappe

Gregor Eichhorn, 29 Jahre alt, beendete vor einem Jahr sein Medizinstudium in Leipzig. Sein Geld verdient er als Anästhesie-Assistenzarzt am Chemnitzer Klinikum. Vor dem Studium machte er eine Regie-Ausbildung an der Filmakademie in Ludwigsburg. Schon sein Bewerbungsfilm, "Die Prüfung" aus dem Jahr 1999, wurde bei den Sendern 3sat und MDR gezeigt.

Auch sein Film "Die Stimmen" wurde im vergangenen Jahr mit dem MDR-Unicato-Award für den besten studentischen Spielfilm ausgezeichnet. 2002 brach Eichhorn in Ludwigsburg trotz aller Erfolge ab, die Ausbildung schien ihm zu sehr auf kommerzielle Inhalte fokussiert. Er studierte Medizin und machte weiter als Hobbyregisseur.

Eichhorns neuester Film, "Drei Patienten", erregte vor allem bei Sachsens Medizinern Aufsehen. Die Landesärztekammer schrieb, der Film behandle die großen Fragen des Arztberufs: "Was kann der Einzelne noch entscheiden? Für Wen oder Was ist man als Arzt zuständig?"

An der Uni Leipzig wird der Streifen in der Mediziner-Ausbildung gezeigt. Eichhorn hat damit vielleicht das Drama einer ganzen Ärztegeneration auf den Punkt gebracht.

"Er wird ja erst durch die Umstände zum Unmenschen."

Der Plot des Films ist schnell erzählt: Ein Notarzt im Krankenhaus ist überfordert von seinem Job, weiß vor lauter Leitlinien und widerstreitenden Erwartungen nicht mehr ein und aus - und klammert sich deshalb fast blind an Vorschriften.

Fatalistisch ergibt er sich dem vermeintlichen Zwang, was auch mal heißen kann, dass ein verletzter Obdachloser im Vorbeifahren ignoriert wird, da es keine anderslautende Anweisung aus der Einsatzzentrale gibt. Ein Zyniker, dem der tote Patient genauso nahegeht wie der geheilte - Hauptsache, der Fall ist abgeschlossen.

Gregor Eichhorn hat Verständnis für den Protagonisten. "Er wird ja erst durch die Umstände zum Unmenschen." Er und sein Filmteam hätten sich viele Gedanken gemacht, wie die Figur wohl angefangen hat, welche Vergangenheit sie hat.

"Und ich meine, dass er ein großer Idealist war, dass er Arzt wurde, weil er Menschen helfen wollte." Ökonomische Zwänge, Überlastung und die vermeintliche Sinnlosigkeit einer bürokratischen Apparatemedizin hätten ihm das aber ausgetrieben.

Viele der Zuschauer sind selbst Mediziner

In Dresden und in Leipzig wurde "Drei Patienten" inzwischen gezeigt, in Chemnitz gab es Extra-Vorstellungen. Bald ist eine Vorstellung in Hamburg geplant, als DVD ist der Film zu kaufen. Eichhorn ist einigermaßen überrascht von dem Erfolg.

Viele, wenn nicht die meisten, der Zuschauer sind selbst Mediziner. Und jede Vorstellung scheint eine Herausforderung für die Anwesenden, sich ihrem eigenen Berufsbild zu stellen. Eine häufige Reaktion, so Eichhorn, sei der Vorwurf, man dürfe Mediziner so nicht darstellen.

Eine Ärztin habe befürchtet, damit werde das Image der Ärzte beschädigt. Bei einer Vorstellung in Chemnitz erklärte ein Mediziner, dass er den Protagonisten gut verstehen könne, "das macht das Gesundheitssystem aus einem".

Dass Gregor Eichhorn irgendwann doch wieder ins Filmgeschäft zurückkehrt und den Arztberuf an den Nagel hängt, ist noch offen. Jetzt möchte er sich erst mal auf die Medizin konzentrieren. Bereits vor drei Jahren sprach ihn eine Oberärztin an und machte ihm deutlich, dass er nicht ewig Filmemacher und Arzt sein kann, er solle sich entscheiden.

Er hat sich bis heute nicht richtig mit dem Gedanken angefreundet. "Aber sie hatte natürlich irgendwie Recht."

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Thomas Trappe (120)
[14.01.2012, 16:22:47]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Sinnfragen vs. "Talkshow"
Da trifft es sich gut, dass die schauspielernde Hobby-, Freizeit- und Talkshow-Ärztin, Frau Kollegin Dr. med. Marianne Koch sich über "In falsches Fahrwasser geraten(e) Arzt-Patienten-Beziehung" auslassen kann
(Dtsch Arztebl 2012; 109(1-2): A-20 / B-16 / C-16). Unter „Keine Zeit“ sei das Schlimmste, was der Beziehung zwischen Arzt und Patient passieren könne, beschwört sie ausgerechnet "eine homöopathische Erstanamnese dauert bis zu anderthalb Stunden. Die ungeteilte Aufmerksamkeit über 90 Minuten zu genießen – das kann schon ein Impuls zur Selbstheilung sein." Kollegin Koch zitiert dann noch den Schriftsteller John Berger mit "seinem sehr berührenden Buch Geschichte eines Landarztes".

Geradewegs, als hätte es niemals die Trilogie von Samuel Shem "House Of God" mit seinem legendären "GOMER - get off my emergency room" gegeben. Und "Mount Misery" bzw. "Doctor Fine" dazu. Oder als sei das Buch von Paul U. Unschuld: "Ware Gesundheit. Das Ende der klassischen Medizin" (2. Aufl. 2011) nie geschrieben worden.

Da lobe ich mir doch "Das Drama einer ganzen Ärztegeneration" mit den Sinnfragen an unsere medizinische Profession: "Was kann der Einzelne noch entscheiden? Für Wen oder Was ist man als Arzt zuständig?" im Film des Arztes und Regisseurs Georg Eichhorn "Drei Patienten". Im Gegensatz zu dem romantisierend verklärenden John Berger' schen literarischen Landarztbild.

Selbstverständlich müssen wir Ärztinnen und Ärzte selbstkritisch, reflektierend und hinterfragend sein. Unsere Patienten/-innen dort abholen, wo sie jeweils stehen. Die "Neue Unübersichtlichkeit" (Jürgen Habermas) bei Investigation, Kommunikation, Reflexion und Aktion berücksichtigen. Auch und gerade der Kranke, traumatisierte, geschädigte, betrübte und manchmal eingetrübte Patient ist im Idealfall informierter als früher, selbstbewusster und wehrt sich gegen eine vereinnahmende Autorität des Arztes. Gemeinsame Entscheidungsfindungen ("shared decision making") und evidenzbasierte Patientenentscheidungen ("evidence-based patient choice") sind als Entscheidungen auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit die Gebote der Stunde. Sie nehmen allerdings auch den Patienten mit in die Pflicht. Der kann sich nicht mehr zurücklehnen, wird vom System nicht nur bedient und bekommt nicht einfach etwas vorgeschrieben, sondern muss sich aktiv beteiligen, entscheiden und mit verantworten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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